BESUCH EINER AUSSTELLUNG
Die langjährigen Freunde Stephen und Ethan besuchen die Kunstausstellung der berühmten Iustitia, die mit ihrer kritisch modernen Auffassung der sieben Todsünden den Sprung zum Welterfolg schaffte. Während sie von Bild zu Bild wandern, unterhalten sie sich. Das Youndercover-Team hat das Gespräch eingefangen.
Teil 2: HOCHMUT
Siehe dazu auch diesen Artikel: Hochmut.

Ethan: "Ihre Darstellung von Hochmut hat fast schon was Witziges. Ein kleines Stofftier, über dem sie mithilfe eines Stuhls steht."
Stephen: "Was für ein Tier ist das überhaupt?"
Ethan: "Sieht wie ein alter Plüschhase aus."
Stephen: (denkt eine Weile nach) "Hätte es eine andere Bedeutung, wenn es z.B. ein Hund wäre? Also, man sagt dem Hund ja sprichwörtliche Treue nach. Also würde sie dann anklagend und hochmütig auf die Treue schauen. Ein Hase steht für Fruchtbarkeit. Sollte das Bild also eine Anspielung auf SM beinhalten?"
Ethan: "Ich kann dir gerade nicht so ganz folgen. Sie stellt sich über die Fruchtbarkeit und spielt somit Domina?"
Stephen: "Wäre doch eine mögliche Interpretation, oder? Eine Frau, die so hochmütig ist, dass sie meint, ihre Triebe komplett unter Kontrolle zu haben."
Ethan: (schweigt einen Moment) "Oder es ist eine Anklage, was den Hochmut selbst angeht. Es gibt doch oft Situationen, in denen man nur den Kopf darüber schüttelt, wenn man sieht, wer meint, besser als jemand anderer zu sein. Es ist lächerlich. Genau so wie sich über ein Plüschtier zu stellen."
Stephen: "Manchmal ist doch aber auch ganz einfach so, dass jemand besser ist als jemand anderer. Wenn ich besser bin als jemand anderer, warum sollte ich ihn das nicht spüren lassen?"
Ethan: "Weil das gemein ist?"
Stephen: "Ich soll also, wenn jemand zu mir käme und sagen würde, er könne genauso gut Klavier spielen wie ich und sich dann nur was zusammen klimpert, aus reiner Höflichkeit nicken und sagen, er sei wirklich genauso gut wie ich?"
Ethan: "So meinte ich das gar nicht. Ich finde lediglich, man sollte nicht einfach so prahlen, um sich selbst in einem besseren Licht dastehen zu lassen."
Stephen: "Und wo hört Selbsteinschätzung auf und wo fängt Prahlerei an? Bin ich hochmütig, wenn ich sage, dass ich ein guter Klavierspieler bin oder ist das einfach nur eine Selbsteinschätzung?"
Ethan: "Schwer zu sagen ... Man sollte eben irgendwo bescheiden bleiben."
Stephen: (hört ihm scheinbar nicht richtig zu) "Oder ist es erst dann Hochmut, wenn ich sage, dass ich der beste Klavierspieler aller Zeiten bin und alle anderen nichts können?"
Ethan: "Das wäre definitiv Hochmut."
Stephen: (amüsiert sich köstlich, erklärt auf Ethans befremdlichen Blick) "Ich stelle mir gerade diesen Typen von dieser einen Band, die wir mal im Vorprogramm hatten, als Plüschkaninchen vor."
Ethan: "Nur sind deine nackten Beine sehr viel haariger als die der Künstlerin."
Stephen: (guckt empört) "Ich rasiere meine doch!"
Ethan: "Das wollte ich jetzt nicht so genau wissen."
Stephen: "Wovor du dich immer so ekelst. Männer gehen heute doch auch zum Kosmetiker und so. Ist das dann auch hochmütig oder ist das Eitelkeit?"

Das Bild stammt von www.gif-co.de
Ethan: "Hochmut und Eitelkeit werden in eine Schublade gesteckt. Wusstest du, dass das Wort eitel früher eigentlich eine ganz andere Bedeutung hatte? 'Alles ist eitel.' Heißt jetzt 'Alles ist vergänglich.' Ein Vanitassymbol. Momentum mori - Besinne dich deiner Sterblichkeit."
Stephen: (guckt etwas pikiert) "Ich liebe es, wenn du deine Bildung raushängen lässt."
Ethan: "In der Schule warst du ja auch mit anderen Dingen beschäftigt."
Stephen: "Okay, wenn jemand so hochmütig ist, zu sagen, dass er schöner ist als andere, ist er natürlich auch eitel, aber wenn man es auf Fähigkeiten bezieht, ist man dann auch eitel? Ich denke nicht."
Ethan: "Und was ist mit Mozart? Er empfand sich als den besten Komponisten seiner Zeit, und er bezog sich damit auf seine Fähigkeit, zumal man ja nicht sagen kann, dass er schlecht komponierte. Für mich ist er in dem Sinne auch eitel sowie hochmütig. Obwohl man sagen muss, dass der Neid anderer manchen Hochmut und Eitelkeit andichtet."
Stephen: (denkt einen Moment nach) "Ja, vielleicht sind Eitelkeit und Hochmut tatsächlich so eng miteinander verwandt, dass sie sich kaum voneinander trennen lassen. Ich würde zwar meinen, dass jemand durchaus eitel sein kann, deshalb aber nicht hochmütig auf andere herabblickt, aber allein, indem er eitel ist, meint er ja schon, besser zu sein als andere. So muss man es wohl sehen. Und es ist endlich mal eine Sünde, von der du nicht freisprechen kannst."
Ethan: (erstaunt) "Wo bin ich denn hochmütig oder eitel?"
Stephen: "Legst du nicht großen Wert darauf, immer frisch geduscht und rasiert zu sein und stets gebügelte Hemden zu tragen?"
Ethan: "Soll ich etwa müffeln und wie Schlunz aussehen?"
Stephen: (wirft ihm einen überraschten Blick zu) "Du kennst Schlunz?"
Ethan: (schaut doof aus der Wäsche) "Wer ist Schlunz?"
Stephen: "Du meintest doch, du sähst ungewaschen aus wie er. - Nun, natürlich wäscht man sich und zieht sich was an, aber du ziehst ja nicht irgendwas an, und du bräuchtest auch kein teures Aftershave und Spezialshampoo, nicht wahr? Indem du 12 Pfund für eine Flasche Shampoo ausgibst - bist du dann nicht eitel?"
Ethan: "Na gut, ein bisschen schon. Aber das ist wohl jeder. Man sollte ein gesundes Maß für alles finden."
Stephen: "Du musst dich ja nicht rechtfertigen. Ich meinte nur, dass du dich davon nicht so reinwaschen kannst wie von der Wollust." (grinst frech)
Ethan: (verdreht die Augen) "Komm, lass uns weiter."
Stephen: "Zu Schlunz?" (lacht)
Ethan: "Nein, zu Neid." (zerrt Stephen zum nächsten Bild)
Fortsetzung folgt ...
(Autor: Youndercover)

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