BESUCH EINER AUSSTELLUNG
Die langjährigen Freunde Stephen und Ethan besuchen die Kunstausstellung der berühmten Iustitia, die mit ihrer kritisch modernen Auffassung der sieben Todsünden den Sprung zum Welterfolg schaffte. Während sie von Bild zu Bild wandern, unterhalten sie sich. Das Youndercover-Team hat das Gespräch eingefangen.
Teil 4: ZORN
Siehe dazu auch diesen Artikel: Zorn.

Ethan: "Das grenzt nun wirklich schon an Geschmackslosigkeit. Unverständlich, wie man das unter Zorn einstufen kann. Das ist einfach nur dumm."
Stephen: "Warum? Bei vielen Menschen richtet sich die Wut gegen sich selbst und dann zerstören sie sich selbst."
Ethan: "Für mich ist das lediglich ein Zeichen eines schwachen Charakters."
Stephen: "In gewisser Weise hast du Recht. Es ist ein Ausdruck mangelnder Kommunikationsfähigkeit. Anstatt seine Probleme mit anderen Leuten zu lösen, richtet man sich lieber selbst zu Grunde. Einfach, weil man es nicht schafft, das auszusprechen, was einen quält."
Ethan: "Wenn solche Menschen nicht fähig sind, sich mitzuteilen, dann geschieht es ihnen eben recht, bei so einer Dummheit zu sterben."
Stephen: (sieht ihn halb erstaunt, halb empört von der Seite an) "Und das von jemandem, der mir ständig in den Ohren liegt, ich solle aufhören zu saufen?"
Ethan: "Das ist etwas anderes."
Stephen: "Nö."
Ethan: "Doch."
Stephen: "Also, ob ich mich zu Tode saufe oder ob ich mir die Arme aufschneide, weil ich wegen meiner Kommunikationsbarrieren wütend auf mich bin, empfinde ich jetzt nicht so wirklich als großen Unterschied."
Ethan: "Du dramatisierst maßlos. Ja, es war mal schlimm mit dir, aber du hast es geschafft."
Stephen: "Ich saufe doch immer noch."
Ethan: "Doch wenigstens schweigst du nicht mehr permanent, was dich angeht."
Stephen: "Findest du wirklich, dass ich offen über meine Probleme rede? Du erstaunst mich, Ethan."
Ethan: "Nein, das tust du nicht, aber du verschanzt dich nicht mehr tagelang allein zu Hause, stöpselst das Telefon aus und bläst Trübsal, sodass man wirklich Angst hat, dass du auf Dummheiten kommst. Seit du verheiratet bist, kann ich viel ruhiger schlafen."
Stephen: "Dafür kann Mette nicht mehr ruhig schlafen."
Ethan: "Das ist nur fair. Wir haben uns abgelöst."
Stephen: "Und wenn Mette mal keine Lust mehr hat, übernimmst du den Posten dann wieder?"
Ethan: "Wie, wenn Mette keine Lust mehr hat?"
Stephen: "Na, sie könnte mich doch verlassen, wenn sie mich irgendwann mal unerträglich findet."
Ethan: (ehrlich erschrocken) "Musst du so schwarzmalen?"
Stephen: "Ich versuche dir nur zu erklären, dass Wut nicht einfach verschwindet - und wenn man einmal das Muster hat, dass sie sich gegen einen selbst richtet, wird sie letztlich immer tun. Und obwohl unsere heutige Gesellschaft scheinbar so offen und tolerant ist, nimmt die Kommunikationsunfähigkeit eher zu anstatt ab."
Ethan: "Ich glaube, das war schon immer in einem Gleichgewicht. Der scheinbare Umgang mit der Öffentlichkeit ist ein anderer geworden, aber sonst ..."

© Björn J.W. Schulz - "Wenn ihr uns stecht, bluten wir
nicht?"
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Stephen: "Öffentlichkeit oder Offenheit?"
Ethan: "Öffentlichkeit. Es ist unglaublich schick geworden, sein Innerstes scheinbar nach Außen zu tragen. Aber eigentlich ist das auch alles nur Fassade. Man will sich mit Falschaussagen wichtig machen oder man vertuscht gewisse Tatsachen, um trotz allem einem bestimmten Bild zu entsprechen."
Stephen: "So einen Satz hätte ich dir jetzt nicht zugetraut."
Ethan: "Warum?"
Stephen: "Du bist manchmal so naiv und gutherzig, dass es schwerfällt zu glauben, dass du Fassaden durchschaust."
Ethan: "Ich spreche einfach nicht über alles, was mir so durch den Kopf geht."
Stephen: "Wieso denn nicht? Vielleicht würdest du dann nicht mehr so langweilig und verklemmt rüberkommen. Wer weiß, vielleicht bist du unter deiner Fassade ja ein wilder, reißender Tiger, der fünf Geliebte hat." (sieht ihn herausfordernd an)
Ethan: "Oh ja, ich halte mir einen ganzen Harem."
Stephen: "Das glaubt dir doch keine Sau."
Ethan: "Wieso fragst du dann auch so blöd?"
Stephen: "Wütend wirst du auch nie. Oder hast du jemals jemandem eine gescheuert? - Oh ja, doch, dem armen Adrian."
Ethan: (sieht ein bisschen unlustig drein, verdrängte diesen Vorfall bis jetzt erfolgreich)
Stephen: "Mit Hollys Geschirr geworfen?"
Ethan: "Nein."
Stephen: "Hässlich genug wäre es dafür aber."
Ethan: "Das ist klassisches, englisches Porzellan!"
Stephen: "Eben drum."
Ethan: "Und es hat ein Vermögen gekostet!"
Stephen: "Wahnsinn, wie man für so was überhaupt was ausgeben kann. Hast du nicht wenigstens manchmal Lust, mir eine reinzuhauen?"
Ethan: "Nein, dafür weiß ich, dass du viele Dinge, die du so sagst, nicht böse meinst. Auch, wenn sie sich so anhören ... Aber die Wahrheit ist eben oft nicht schön."
Stephen: "Ist Ehrlichkeit auch eine Todsünde?"
Ethan: "Eigentlich eine Tugend, oder?"
Stephen: "Sollte es sein, wobei sich die Frge stellt, wer eigentlich bestimmt, was Sünde und was Tugend ist."
Ethan: "Nun weitgehend sind die Begriffe von der Kirche geprägt worden."
Stephen: "Was zu befürchten stand. Nun ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Ursprünglich waren das mal so gesellschaftliche Grundsätze. Du sollst nicht stehlen, lügen, ehebrechen usw. Nur gab es eben schon immer Leute, die eine schöne Lüge besser fanden und die sich gesagt haben, dass eine erwachsene Frau schon weiß, was sie tut."
Ethan: "Wobei wir wieder bei Wollust wären ... Komm, lass uns weiter gehen." (zerrt Stephen zum nächsten Bild)
Fortsetzung folgt ...
(Autor: Youndercover)

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