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EINER EHE

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DIE GESCHICHTE EINER EHE

Teil 1

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Ich kam nach Leeds in Nordengland, weil ich mal einen Typen von dort auf dem Hauptbahnhof von Hannover getroffen hatte. Die meisten Liebesgeschichten fangen ja irgendwie spektakulär an. Diese nicht. Perce - der eigentlich David heißt - suchte nach einem Konzert und quatschte mich an. Ich versuchte, ihm zu helfen, schleppte den Mann durch die halbe Stadt und anschließend, weil sich nichts herausfinden ließ, Perce weder was zu essen noch eine Unterkunft hatte, mit nach Hause, wo er durchgefüttert und untergebracht wurde. Nein, nein, keine Sexgeschichte. Einfach nur so.

Am nächsten Tag reiste er wieder ab, und wir schrieben uns ein paar Briefe, in denen er mich - vermutlich aus reiner Höflichkeit, weil Engländer nun mal höflich sind - zum Gegenbesuch einlud. Und irgendwann beschloss ich, das wahrzunehmen und machte mich eben auf den Weg.

Obwohl ich gewusst hatte, dass er nicht gerade in den besten Verhältnissen lebte, hatte ich eine falsche Vorstellung von dieser Gegend gehabt. Ein paar Jahre zuvor war ich im Rahmen eines Schüleraustauschs schon mal in Yorkshire gewesen - aber "auf der anderen Seite". Auf der mit den wild-romantischen Küsten, den rauen, hügeligen Landschaften, den urigen Bauernhöfen mit Ponyromantik und dem wunderschönen alten York mit seiner Wikingervergangenheit, Stadtmauerresten und verwinkelten Gassen, mit bodenständigen, kernigen (und ziemlich verklemmten) Leuten, die zwar nicht reich waren, es sich aber durchaus leisten konnten, ihren Kindern eine vernünftige Ausbildung angedeihen zu lassen.

Leeds ist anders. Es ist die schmutzige Seite Yorkshires, getroffen vom Niedergang des Bergbaus und der Industrie, dem Nord-Süd-Gefälle, der Thatcher-Regierung, die zu jener Zeit (Anfang der 90er) gerade versuchte, eine Kopfsteuer durchzusetzen. Leeds war zu dieser Zeit wie ein erlegter Hirsch, bereits ausgeweidet und halb verfault, mit geschlossenen Fabriken, heruntergekommenen Häusern, hoher Arbeitslosigkeit und mit massiven Migrations- und Kriminalitätsproblemen behaftet.

Ich war damals etwa 18 und besaß noch diese gewisse Unbekümmertheit, die Menschen in diesem Alter anhaftet. Als "wohl behütet" oder "unbedarft" würde ich mich nicht bezeichnen. Mir waren soziale Missstände durchaus bewusst, besaß politische Bildung und schaute auch durchaus über den Tellerrand. Aber einen umfassenden Weitblick besitzt wohl niemand in diesem Alter. Man denkt noch, dass man etwas bewegen kann, dass einem die Welt offen steht, sich Probleme irgendwann lösen lassen, dass etwas auf einen wartet. Dinge, die man zwar auch später noch in sich trägt, man aber dennoch realistischer sieht als in diesem Alter, in dem sich - wie Martin Lee Gore (Songwriter von Depeche Mode) sagen würde - das Leben noch nicht abgenutzt hat.

Insofern war ich zwar ziemlich erstaunt ob des offenkundigen Verfalls der Stadt, fühlte mich aber nicht abgestoßen, sondern mehr als so was wie die Lucy Moore in Cronins Glasgow der 20er Jahre und bezeichnete das für mich als "morbiden Charme". Heute würde ich den Charme wohl streichen. Morbide.

Ich war von Hamburg aus nach Manchester geflogen und stellte als erstes fest, dass der Manchester Flughafen dreimal so groß war wie Fuhlbüttel. Trotzdem fand man sich dort besser zurecht als in Hamburg. Auch zum Bahnhof zu finden, stellte kein Problem dar, ehe ich mich mit einem Phänomen konfrontiert sah, das mich im Laufe all meiner Zeit dort immer begleiten würde: British Rail.

British Railways ist mit keinem anderen Eisenbahnsystem dieser Welt vergleichbar. Wer sich über die Deutsche Bahn beschwert, hat noch nie Bekanntschaft mit British Rail gemacht. Was immer die Deutsche Bahn auch anstellen mag, ich werde mich nicht darüber beschweren.
Schon meine erste Bekanntschaft mit British Rail war entschieden nicht gut. Erst fand ich das Gleis nicht, dann den Zug nicht, der fast eine Stunde Verspätung hatte, im Zug gab es nur Tee mit Milch (allerdings würde ich noch lernen, dass es nirgendwo Tee ohne Milch gab, und mich daran gewöhnen, Tee mit Milch zu trinken), der Zug nahm eine andere Strecke als angekündigt und 2 km vor Leeds hielt er eine Stunde und stand da rum, ohne dass jemand wusste, weshalb.

Dies führte dazu, dass ich Perce am Bahnhof verpasste - ich dachte, er wäre gar nicht erst gekommen, er dachte, ich würde nicht kommen. (Handys gab es damals noch nicht.) Ich nahm ein Taxi, das mich in eine der heruntergekommendsten Gegenden der Stadt brachte - eine alte Arbeitersiedlung auf dem Hügel vor dem Stadtpark, eine Gegend, bei der es einen wundert, wenn man überhaupt die richtige Straße und das richtige Haus findet, weil alle Straßen und alle Häuser vollkommen gleich aussehen.



Ehe01

Eigenes Bild - Leeds



Das besagte Haus entpuppte sich als "squat", als besetztes Haus mit einem "No poll-tax"-Transparent (Protest gegen die Kopfsteuer) über der Tür. (Davon gab es allerdings auch mehrere.) Ich wurde von David (the good boy, so genannt, weil seine Mutter ihre Briefe immer mit "be a good boy" zu beenden pflegte) und Bob (der nebenan wohnte) in Empfang genommen, die mir erklärten, dass Perce losgezogen sei, um mich abzuholen. (Immerhin was). Wir stellten mein Gepäck ab und gingen ihm entgegen, trafen ihn dann auch irgendwann und der Besuch konnte beginnen.

In dem Haus wohnten vier Jungs - Perce eben, David the good boy, Ben und Dave an' his fukkin' bloody moterbike (so genannt, weil der Mann Frühaufsteher war und sich sein Arbeitslosengeld mit dem Frisieren von Motorrädern aufbesserte, sprich: er begann um 7 Uhr morgens damit, einen Höllenlärm zu veranstalten, sodass sich alle anderen genervt die Decke über den Kopf zogen und "oh no, not Dave an' his fukkin' bloody motorbike again" fluchten) - und dann gab es noch Bob, den Nachbarn.
(Sollte sich tatsächlich noch jemand wundern, warum die Davids alle Bei- oder Spitznamen hatten: außer Bob und Ben hießen sie nun mal ALLE David. Ihr werdet im Verlauf der Geschichte noch mehr Davids kennen lernen. Da kann man eben nicht einfach von "David" oder "Dave" sprechen, weiß ja sonst keiner, welcher gerade gemeint ist.)

Keiner der fünf hatte Arbeit, also richtige Arbeit. Genauso wenig wie die meisten da oben auf dem Hügel, jeder schlug den ganzen Tag über irgendwie die Zeit tot. David the good boy und Bob versuchten, ihre Arbeitschancen durch ein Studium aufzupolieren. Während sich David (der jüngste der Gruppe) noch Hoffnung auf die Zukunft machte, sah Bob, der irgendwie aus der RAF (Royal Air Force, nicht die Terrorgruppe) geflogen war, wenig Chancen für sich. Die drei anderen hatten ohnehin schon lange aufgegeben, wie auch die meisten anderen in dem Viertel, das vollgestopft war mit Arbeitslosen, Migranten und jede Menge Alleinerziehenden, die im britischen Sozialsystem eine noch geringere Chance haben als in Deutschland.

Als Besucher nimmt man viele Dinge erst mal so hin und versucht, sich irgendwie anzupassen. Dass man mich nicht mal allein Damenbinden kaufen gehen ließ etwa. (Ich hatte David gewarnt, aber er hatte darauf bestanden, und stand dann mit hochrotem Kopf neben mir und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, während die pakistanische Verkäuferin die Packung ebenso verlegen in einer Plastiktüte versteckte.)
Erst später verstand ich, dass es bei dem ständigen Begleiten nicht bloß um Höflichkeit dem Gast gegenüber ging, sondern dass das Viertel einfach zu gefährlich war, um ein junges Mädchen da allein herumlaufen zu lassen.

Oder dass man darauf bestand, alles Essen zu bezahlen. In den zwei Wochen habe ich bestimmt zehn Kilo abgenommen. Die Herren konnten es sich nämlich gar nicht leisten, mich durchzufüttern. Morgens gab es zwei Scheiben Toast mit Salzbutter und Marmelade, mittags ein Sandwich und abends eine Tütensuppe. Teebeutel wurden zweimal verwendet und Milch nur schlückchenweise - und zwar ausschließlich MIT Tee. Mir heimlich etwas zu essen kaufen, konnte ich auch nicht, weil ja immer jemand dabei war - und es war deutlich, dass man eine Einladung von mir als unhöflich aufgefasst hätte.

Oder dass man darauf bestand, dass die Frau immer einen Schritt hinter dem Mann ging. Einerseits archaisch Tradition, andererseits eine Sicherheitsmaßnahme. So eine Art modernes Ritterspiel, bei dem die Frau immer innen und leicht nach hinten versetzt ging, damit der Ritter den Schwertarm frei hatte.

Oder dass man über nichts sprach, was mit Gefühlen zu tun hat. Man saß den ganzen Tag da rum und debattierte über das Wetter. Sport war eher was für Männer, Politik auch, Gefühle waren Frauenkram, aber nur untereinander. Sprich: die Gespräche waren etwas mager, aber das schien niemanden zu stören.

Oder dass London schlimm ist. Alles, was aus London kommt, ist schlimm. Grundsätzlich. Man kann auch nicht nach London fahren. Nicht mal als Gast. Nach Edinburgh könne ich ja fahren, aber nicht nach London. Einfach undenkbar. Ben wurde gar aus der Gemeinschaft verstoßen, weil er nach London fuhr. Okay, er konnte auch erst mal nicht zurück, weil er dort wegen Vandalismus verhaftet worden war, aber der Grund für seinen Ausschluss war die idiotische Idee, nach London zu fahren.

Oder dass man nicht einfach ein Paar sein konnte und auch nicht "nur Freunde". Aufgrund der Tatsache, dass ich von Perce eingeladen worden war, wurde ich automatisch als "his girl" angesehen. Mit 18 verliebt und entliebt man sich ja noch relativ leicht, also wollte ich mal nicht so sein und war ein klein wenig verliebt. Aber dies in der Öffentlichkeit zu zeigen, war undenkbar. Ein "die Hand aufs Knie legen" wurde mit einem "thou can do this in your bedroom" und einem strengen Blick kommentiert. (In dem bedroom lief aber nicht sonderlich viel. Einfach aufgrund der Tatsache, dass der Mann keinen hochbekam.)

Ja, das ist eine sehr lange Vorgeschichte, und so mancher fragt sich sicher bereits, wann ich endlich zum Punkt komme. Nun, ohne diese Vorgeschichte würde man aber die noch folgenden Gegebenheiten nicht mal ansatzweise verstehen.



Fortsetzung folgt ...



(Autor: IGiveInToSin)



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