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GESCHICHTE
EINER EHE

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DIE GESCHICHTE EINER EHE

Teil 10

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Tatsächlich gingen wir danach durch so etwas wie eine Krise, die uns zwang, an dieser Beziehung und uns zu arbeiten, was mich viel Kraft kostete.
Ich überredete Mel dazu, sich eine Weile krankschreiben zu lassen, denn ich hielt ihn nicht für arbeitsfähig, und ich gab meinen Job auf, zu dem ich ja ohnehin keine Lust mehr hatte.
Da er nicht dazu zu bewegen war, einen Psychologen aufzusuchen, versuchte ich in der Folge, diesen zu ersetzen. Dies war anstrengend und erschöpfend, sodass nun manchmal etwas zu kurz kam, was uns immer verbunden hatte - der Sex. Das machte Mel unruhig, was wiederum zu Spannungen führte.
Ohne Sex war er nicht gerade kommunikativ und zugänglich, was häufig zu Missverständnissen führte, was wiederum sexuelle Gefühle eher blockierte. Oder anders gesagt: die Ehe begann, sich in einem normalen Alltag wiederzufinden, dem, der übrig bleibt, wenn die hormonelle Anziehungskraft nachlässt. Die übliche Beziehungsfalle also, an deren Ende man sich trennt oder sich zusammenrauft und das entwickelt, was Liebe eigentlich ausmacht.

Es ist schwierig, den genauen Verlauf dieser Krise zu skizzieren oder spezielle Ereignisse herauszugreifen. Ihn hatte das Erlebnis einfach aus der Bahn geworfen, und er war eine Weile damit beschäftigt, seine inneren Dämonen zu bekämpfen und neu zu ordnen. Loswerden würde er sie wohl kaum. Das wusste ich auch. Er konnte sie nur einigermaßen handhaben und bezwingen.
Ich bemühte mich darum, ihm dabei zu helfen, was aber schwierig ist, wenn man diese Dämonen nicht wirklich kennt und auch nur schwer zu fassen bekommt. Allerdings waren sie auch einigermaßen diffus, da er nun mal noch sehr klein gewesen war, als er aus der Familie genommen worden war. Es war schwer, zu unterscheiden, was ihm tatsächlich passiert war, was anderen passiert war und was ihm seine Phantasie vorgaukelte.

Es würde zu weit führen, zu versuchen, sich an diese Details zu erinnern und diese auseinander zu nehmen, inwieweit sie wohl der Wahrheit entsprachen oder nicht. Am Ende kommt man immer zu dem Ergebnis, dass man es hier wohl mit einer Art Kaspar-Hauser-Syndrom zu tun hatte, mit einem Kind, dessen soziale Kontakte mangelhaft und negativ waren und das nicht genug (oder gar keine) Liebe erfahren hatte, was seine Beziehungen zu Menschen stark beeinflusste.
Er besaß keine "soziale Intelligenz" bzw. sie war blockiert, sodass es ihm nicht möglich war, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich vorzustellen, was sie fühlten und dachten. Und meine Bemühungen, ihm dies zu vermitteln - in vielen langen, zumeist sinnlosen Gesprächen, die sich im Kreis drehten - verliefen lange Zeit stets im Sand, und sie schufen eher Distanz, anstatt dass sie uns einander näher gebracht hätten.

Ich gebe zu, dass ich daran zu zweifeln begann, ob wir im Alltag überhaupt zusammenpassten, ob diese Beziehung einen Sinn hatte und jemals haben konnte. Sie schien lediglich dann zu funktionieren, wenn wir unseren Trieben folgten. Nur dann konnte er sich mir öffnen, nur dann konnte ich ihn lesen und verstehen. In normalen Alltagsgesprächen blockte er ab, und ich wusste nie, woran ich eigentlich war.

Irgendwann nahm er seinen Dienst wieder auf - viel zu früh, meiner Meinung nach, aber vielleicht auch einfach, um den fruchtlosen Gesprächen mit mir aus dem Weg zu gehen - und ich verdrückte mich eine Weile nach Deutschland, um in Ruhe nachdenken zu können. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich die Ehe für gescheitert. Wir waren außerhalb des Bettes nicht in der Lage, zu kommunizieren, Vertrauen zu haben und eine Einheit zu bilden.
Ich fragte mich, ob es außer diesem sexuellen Feuer überhaupt etwas gab, was uns verband. Vor Mels Zusammenbruch hätte ich ganz klar ja gesagt, aber nun war ich mir nicht mehr so sicher. Andererseits war da immer noch ein Gefühl, das mich wieder zu ihm zog und mich daran hinderte, mich von ihm zu trennen. Dies zu benennen, war ich nicht in der Lage, (von Liebe zu sprechen, ist bei einer doch relativ jungen Beziehung immer ein sehr großes Wort. Sagen wir es so: ich wusste, ich würde mich nicht von ihm trennen können und wollen, und ich wusste auch, dass er dies genauso wenig könnte und wollte), aber gab dann doch den Ausschlag, nach England zurückzukehren.

Zunächst war es ähnlich verkrampft wie vor meiner Abreise, aber nicht mehr ganz so anstrengend. Er gab sich mehr Mühe, blockte nicht mehr ganz so extrem ab, während ich mich etwas zurückhielt und keine Grundsatzdebatten mehr anfing. Dennoch gab es nachwievor einen spürbaren Riss, eine Blockade, die sich eben hauptsächlich auf den sexuellen Bereich auswirkte, sodass wir eine ganze Weile umeinander herum schlichen und nicht so recht wussten, was wir eigentlich miteinander anfangen sollten.

Ich suchte nach einem neuen Job, was nicht ganz so einfach war, und landete schließlich durch David the good boy als Deutsch-Seminar-Leiterin an einem Fortbildungscollege für Erwachsene. Das waren zwar nur zwei Abende in der Woche, aber es stellte zumindest eine neue Herausforderung dar. Sie brachte auch etwas Entspannung in unsere Ehe, die jetzt einen vorsichtig-höflichen Level erreichte, auf dem man sich langsam wieder aneinander herantastete.





Bemüht, gemeinsame Interessen zu finden, begannen wir, ab und an etwas zusammen zu unternehmen. Lustigerweise war ich davor nämlich hauptsächlich mit David ausgegangen. Hier kam es dann auch zu so etwas wie einem Erfolg, und zwar ausgerechnet durch ein Thema, das ich bis heute langweilig finde: Dinosaurier.
Jurassic Park kam in die Kinos und löste eine Dino-Welle aus. Ich hatte nicht die geringste Lust, diesen Film zu sehen, aber Mel zeigte erstmals Interesse an etwas und sagte, er wolle in den Film gehen. Er entwickelte sogar etwas wie ein Dino-Fieber (ich habe heute noch einen Gummi-Dino und eine Dino-Tasse). Ich hatte ganz andere Interessen und war auf einem Shakespeare-Trip und wollte unbedingt "Much Ado About Nothing" (Viel Lärm um nichts) mit Kenneth Branagh sehen, der etwa zur gleichen Zeit in die Kinos kam. Das wiederum interessierte Mel nicht.

Wir schlossen einen Kompromiss - ich ging mit ihm in Jurassic Park und er mit mir in Much Ado About Nothing. Das Ergebnis war, dass er beide Filme toll fand, während ich nur den Shakespeare-Film mochte. Es gab aber auch andere "Ergebnisse". Mel entwickelte eben diese fast kindliche Freude an diesem Dino-Kram, was ihn lockerer und aufgeschlossener werden ließ, und zudem ein Shakespeare-Fieber, welches in Lust auf bizarre Rollenspiele mündete, die mich nach und nach mitriss. So kam unser Sexualleben langsam wieder ins Rollen, was auch die Offenheit zurückbrachte und einige der Dämonen besiegte.

Außerdem waren wir in eine Radiosendung am Sonntagmorgen vernarrt, ein junger, frischer Sender mit einer sehr merkwürdigen, humorvollen Frühstückssendung. Der Erfolg der Sendung veranlasste die Macher sogar, dies visuell umzusetzen und damit auf eine Art Theatertournee zu gehen. Dafür machten wir dann einen Ausflug nach York, wo eine der Veranstaltungen in einem kleinen Theater stattfand. Anschließend gingen wir noch ins Nationalmuseum und hatten Sex auf dem Klo, weil Mel sich in eine der historischen Figuren verguckt hatte und daraus eine Phantasie entwickelte, die er mir während des Gangs durchs Museum ins Ohr flüsterte.

Es war also alles auf dem Weg hin zur Besserung, bis meine Großmutter einen Schlaganfall erlitt, und ich nach Deutschland musste, um mich um meine Mutter zu kümmern. Meine Großmutter starb ein paar Wochen später, und es wurde schwierig, die familiäre Situation, die vorher einigermaßen geregelt gewesen war, zu händeln. Es gab vier Kinder, die natürlich zu gleichen Teilen erbberechtigt waren. Da ein Schwager und eine Schwägerin querschossen, war es nicht möglich - was die wesentlich bessere Lösung gewesen wäre -, meine Mutter in dem Haus wohnen zu lassen. Somit wurde das Haus verkauft, der Erlös durch vier geteilt, und meine Mutter musste sich eine Wohnung suchen. Dies allein zu regeln, war sie nicht in der Lage, sodass ich nun mehr mit familiären Problemen beschäftigt war, als mir lieb war.

Hier habe ich sogar mal die chronologische Reihenfolge einigermaßen im Kopf: etwa im Oktober 1993 starb meine Großmutter, woran sich die Auseinandersetzung um die Aufteilung des Erbes anschloss.
Ende November etwa kam Mel erstmals nach Deutschland, zumal wir ja nun schon eine ganze Weile getrennt waren (der Schlaganfall war etwa im September gewesen und seitdem war ich in Hamburg).
Die Erfahrung war entschieden nicht gut. Mein Mann und meine Familie passten nicht zusammen. Er hatte keine Erfahrung in familiären Dingen, meine Familie kam mit ihm nicht zurecht und verstand nicht, warum ich ihn geheiratet hatte. (Obwohl er keinen echten Anlass dazu gab, ihn nicht zu mögen. Aber vielleicht war er für andere Menschen ja auch seltsam, und nur ich sah etwas Besonderes in ihm?) Sprachliche Hindernisse taten ihr Übriges. Es war anstrengender, dazwischen zu vermitteln, als es die gesamte Krise mit Mel gewesen war, obwohl der Besuch nur knappe zwei Wochen dauerte.

Dann bestand Mel darauf, dass ich erst mal mit nach Hause kam - wobei meine Familie nicht im Mindestens verstand, warum Manchester mein Zuhause sein sollte - und da ich erst mal alles vorübergehend geregelt hatte, war ich mehr als froh, der familiären Situation für eine Weile entfliehen zu können. (Dass es keine gute Idee war, meine Mutter auch nur für eine kurze Zeit allein zu lassen, würde ich später herausstellen - und ist eine andere Geschichte.)

Wir kehrten also etwa Mitte Dezember nach Manchester zurück. Ich bemühte mich darum, nicht ständig an die Situation in Hamburg zu denken, was mir auch ganz gut gelang, zumal es viel Ablenkung ab. David the good boy hatte Depeche-Mode-Karten (wobei das Konzert durch den Zustand von David Gahan nicht gerade super war), eine Frau aus dem Viertel hatte mich bequatscht, beim Weihnachtsbazar zu helfen, und es gab eine Weihnachtsfeier auf Mels Dienststelle, die mit einer Art "Tag der offenen Tür" verbunden war. Hier konnten die Polizisten ihren Familien - vor allen ihren Kindern - mal zeigen, was sie so den ganzen Tag über machten.

Mel hatte keinen Bezug zu Kindern - und ich fühlte mich definitiv zu jung, um schon Mutter zu werden, schließlich war ich gerade erst 20 - aber es gab dort ein kleines Mädchen, vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, das mit großen Augen durch die Dienststelle stapfte, sich alles ernst anschaute und dann dem Nächstbesten Fragen stellte wie "Sind alle Leute, die hierher kommen, Verbrecher?" oder "Warum gibt es hier keine Pistolen?" Ich weiß nicht mehr, was sie Mel fragte, aber er wirkte zunächst etwas hilflos, um ihr dann eine schlichte Antwort zu geben, wobei er sie einfach wie eine Erwachsene behandelte. Dies freute sie sichtlich, und er war danach sehr still.

Auf dem Nachhauseweg hielt er meine Hand sehr fest und meinte nach langem Schweigen schließlich: "Maybe we should've a real family one dee." Dieser Satz erstaunte mich einigermaßen, zumal es anscheinend ein echter Wunsch war, der hier entstand. Allerdings hatte ich ein paar Zweifel, was die Umsetzung anging. Ich konnte mir Mel nicht als Vater vorstellen. Aber vielleicht würde er in die Aufgabe ja mit der Zeit hineinwachsen.



Fortsetzung folgt ...



(Autor: IGiveInToSin)



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