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EINER EHE

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DIE GESCHICHTE EINER EHE

Letzter Teil

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Schon bald holte mich das "Hamburg-Problem" wieder ein, als ich etwa Mitte Januar dorthin zurückkehren musste, um den eher behelfsmäßig gedachten Umzug meiner Mutter von dem Haus meiner Großmutter in eine Wohnung zum 1. Februar organisieren musste. Der fraß meine letzten Energiereserven auf, sodass ich bei meiner Rückkehr nach England einfach nur unglaublich müde und antriebslos war.
Mel, der auf stetes Funktionieren und sich physische sowie psychische Schwächen nicht anmerken lassen, trainiert war, hatte dafür weitaus weniger Verständnis, als ich gedacht hätte. Er begriff nicht, dass die Situation für mich anstrengend war, auch, wenn ich gar nicht in Hamburg war. Ich wusste, dass meine Mutter allein nicht zurechtkommen würde, und allein das - sowie die stete Frage, welche Lösung ich in dieser Sache anstreben sollte - verursachte Stress. Mir war klar, dass er diese familiäre Sorge nicht kannte, reagierte aber dennoch des Öfteren ungehalten, was die Beziehung geradewegs in die nächste Krise schliddern ließ.

Etwa Mitte März hatte David the good boy Geburtstag (das genaue Datum habe ich vergessen). Wir gingen hin, obwohl wir beide keine großartige Lust dazu hatten und sich unsere Ehe auch nicht gerade in besten Gewässern befand. (Wir stritten uns nicht, dazu war Mel nicht fähig. Es wurde geschwiegen.) Es war eine langweilige Feier mit einem Haufen langweiliger Leute, hauptsächlich Typen, die David von der Arbeit kannte. (Früher eine Gelegenheit, sich ins Badezimmer zu verdrücken. Nun aber hatte ich keine Lust, und Mel wusste nicht, was er sagen sollte.)
Davids Mutter hatte mal wieder eines ihrer "Überlebenspakete" geschickt - mit Zeug, von dem sie meinte, ihr Sohn würde es brauchen. Handtücher, Servietten, hässliche Pullover ... Darunter auch eine Kassette oder CD mit Gregorianischen Gesängen. (David hatte schließlich keinen Geschmack und musste kulturell erzogen werden.) Da er sie nicht wollte, und ich Interesse zeigte (er "versteigerte" die Pakete seiner Mutter immer), bekam ich sie.

Zu Hause hörten wir sie uns an und fanden sie aus irgendeinem Grund erotisierend. Über die Einzelheiten schweige ich mich mal aus, aber es war definitiv der längste und beste Sex, den wir je hatten.
Und der letzte.

Am Morgen ging Mel - ohne viel geschlafen zu haben - zur Arbeit. Ein paar Stunden später erschienen zwei Polizisten und ein Polizeipsychologe und erklärten mir, dass es auf der Dienststelle einen "bedauerlichen Unfall" gegeben habe.
Es dauerte lange, bis ich herausfand, was damit gemeint war: Ein Polizist hatte die Dienstvorschrift, dass in der Gegenwart Verdächtiger keine Waffen getragen werden dürfen, missachtet. Der Verdächtige war an die Pistole gekommen und hatte versucht, zu flüchten.
Mel hatte mit dem Fall nicht das Geringste zu tun gehabt. Er kam einfach nur gerade den Flur herunter, als der Mann die Tür aufriss und zur Treppe wollte.
"He'd been in a very good mood this mornin'", berichtete einer von Mels Kollegen bei der späteren Verhandlung, "he even laughed 'bout a joke. He'd never done this before."

Dieser Satz war schlimmer als alle andere. Schlimmer als die vorschriftsmäßige Identifizierung (wozu? Es gab doch keine Zweifel an seiner Identität) in der anonymen, sterilen Leichenhalle, wobei nichts darüber hinwegtäuschen konnte, dass der Mann vor mir tot war. Schlimmer als die Beerdigung, bei der alle ungläubig guckten, weil ich eine Feuerbestattung gewünscht hatte (anscheinend dürfen britische Polizisten sich nicht einäschern lassen). Schlimmer als die einsamen Nächte, in denen ich durchs Haus tigerte oder auf der Couch beim Fernsehen einschlief, schlimmer als die mitleidigen Blicke und das Schweigen. In einem Land, in dem keiner jemals wirklich über seine Gefühle spricht, darf man nicht Witwe werden. Man wird gemieden, als habe man die Pest.
Die meisten Leute sind mit einer solchen Situation überfordert. Ich nehme mich selbst nicht davon aus. Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden, und man weiß nie, ob der andere nun Unterstützung haben möchte oder einfach nur seine Ruhe will. Doch dieses Schweigen, das Wechseln der Straßenseite, sobald man mich nur von weitem sah, war schon extrem.

Der Einzige, der sich in meine Nähe wagte, war David the good boy. Auch er traute sich das einige Tage lang nicht, um dann mit einer Tafel Schokolade vor der Tür zu stehen. Die Geste war so hilflos, aber auch so rührend, dass ich immer noch lächle, wenn ich an dieses Bild denke. Und er war mir allemal lieber als die Psychologen, die mir die Polizei dauernd regelrecht auf den Hals hetzte. Psychologen, die ungefragt auftauchten, "um nach" mir "zu sehen", die selbst derartig gestört waren, dass man besser sie auf die Couch geschickt hätte, mit ihrem falschen Mitleid, ihrem Missverstehen, ihrem Versuch, einem eine Art des Trauerns aufzudrängen, mit der man nicht anfangen konnte.



Ehe11

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Das Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de



Ich war lange Zeit ganz einfach wütend. Keine Ahnung, warum ich wütend war, aber irgendeinen Sinn wird es schon gehabt haben, und wenn es nur Selbstschutz war. Insofern war es Quatsch, mir das ausreden zu wollen und stattdessen einzugeben, ich solle lieber traurig sein. Ich war nicht traurig, ich war wütend - auf den Polizisten, der die Waffe dabei gehabt hatte, auf den Täter, auf die schwachsinnigen Psychologen, auf die Schweiger, auf Mel. Wahrscheinlich wäre unsere Beziehung weiterhin sehr schwierig gewesen und hätte immer wieder Krisen erlebt, aber dass er sich einfach erschießen ließ und mich auf diese Weise verließ - so sah ich es lange -, empfand ich als Affront.

Später gab es natürlich noch viele andere Phasen dieser Trauerarbeit, aber zu dem Zeitpunkt war ich eben wütend. Dadurch war ich in der Lage, das alles zu überstehen, alles zu organisieren, ein geregeltes Leben aufrecht zu erhalten und mich durchzusetzen. Hätte ich die Organisation aus den Händen geben müssen, wäre es z.B. nie zu der Feuerbestattung gekommen. Mel hatte das aber gewollt, hatte die Vorstellung eklig gefunden, dass der Körper von Maden zerfressen wird. Und auch ich wollte mir das unter keinen Umständen vorstellen müssen. Die Polizeipsychologen fanden das neurotisch. Ja und? Von mir aus war es neurotisch. Hauptsache, ich konnte damit besser schlafen, anstatt irgendwann Alpträume von Maden zu bekommen und dann tatsächlich neurotisch zu werden.

Auch sonst schien alles gegen mich zu laufen. Ich war nicht lange genug mit Mel verheiratet gewesen, um die britische Staatsbürgerschaft zu bekommen oder Anrecht auf Witwenrente zu haben. Trotzdem wurde ich von älteren, schwarzgekleideten Frauen verfolgt, die Mitglied im Club der Polizistenwitwen waren (den gibt es wirklich) und mich ebenso "betreuen" wollten wie die Psychologen.
Einmal abgesehen von dem ohnehin bestehenden und drängenden "Hamburg-Problem" war es für mich in Großbritannien unmöglich, zur Ruhe zu kommen oder überhaupt nur an Trauer zu denken. (Die Ruhe würde ich in Hamburg auch nicht finden, ganz im Gegenteil. Aber das ist, wie gesagt, eine andere Geschichte.) So regelte ich meine Angelegenheiten, verkaufte oder verschenkte die Möbel, packte meine Sachen zusammen und kehrte nach Hamburg zurück.

Es war seltsam, das zu tun. So, als sei man gescheitert, gebe etwas auf, kehre zu einem Ausgangspunkt zurück, von dem man aus irgendwann mal in die falsche Richtung aufgebrochen war, um jetzt wieder auf Null zurückgeworfen zu werden. Eben wie eine Verlassene, der man "von vorneherein gesagt" hat, "dass das nichts wird". (So in etwa fielen die Reaktionen dazu dann auch aus. Zwar nicht mit diesen Worten, aber man betrachtete meine Ehe ernsthaft als "Jugendabenteuer". Dass mein Mann erschossen worden war und wir uns vermutlich nicht getrennt hätten, wäre das nicht passiert, wischte man beiseite.)
Eine Verlassene, von der man anschließend erwartete, dass sie "nun was Vernünftiges mit ihrem Leben" anfing, nachdem sie "durch die Weltgeschichte gegondelt" war und gesehen hatte, "wohin dieses Abenteuer geführt hatte - nämlich zu nichts".
Manchmal waren die Haltung und die Gleichgültigkeit meiner Umgebung tatsächlich schmerzhafter als das Bewusstsein, dass Mel tot ist.

Ich fühlte mich, als ginge ich mit leeren Händen, als ich mich von unseren Bekannten, dem Grab und der Landschaft verabschiedete - ich kann mich noch gut an den Blick aus dem Zugfenster erinnern und den seltsam sicheren Gedanken "I'll never return" -, und ich wurde später auch genauso behandelt. Niemand begriff, dass ich die Liebe meines Lebens verloren hatte ("dafür bist du doch viel zu jung"), und ich sie nicht durch irgendeinen anderen Kerl ersetzen konnte oder wollte. ("Geh doch mal wieder aus. Das ist doch schon so lange her."). Ich bin ausgegangen, ich hatte andere Männer, aber sie waren nicht wie der Mann, den ich wollte.

Es dauerte lange, zu verstehen, dass meine Hände nicht leer sind. Mel ist immer noch da, weil er genauso wenig eine andere hätte haben wollen oder können. Dieses Gefühl, sich Ewigkeiten zu kennen und sich allein deshalb nie verlieren zu können, das ich schon am Beginn der Beziehung hatte - es ist immer noch da und wird wohl für immer bestehen bleiben.



(Autor: IGiveInToSin)



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