DIE GESCHICHTE EINER EHE
Teil 3

Die Situation, die in der Folge stattfand, war so albern, dass sie mich noch heute verblüfft. Es kam nämlich dazu, dass sich die ganze Truppe im Hinterhof des Pubs einfand, um einem Hahnenkampf beizuwohnen. Dass es darum ging, begriff ich erst, als Perce und Mel eine höchst eigenartige Schlägerei anfingen. Eigenartig deshalb, weil keiner der beiden zu Gewalt neigte und somit auch keine Lust hatten, sich zu prügeln. Zudem hatte Perce ein paar Bier zu viel gehabt, während Mel nüchtern war. Anscheinend musste Mel aber verlieren, was Perce jedoch nicht auf die Reihe bekam. So zumindest deutete ich die Aktion, der ich vom Eingang des Hinterhofs zusah, wobei ich mir anscheinend dümmer vorkam als die Herren.
Die anderen Männer standen um die beiden herum und guckten zu. Von Anspannung war nichts zu spüren. Wenn Engländer so auch beim Fußball zugucken würden, stünden ihre Clubs ziemlich schlecht da. Oder es ist der Grund, warum mir kein bekannter britischer Boxer einfällt. Es war lächerlich. Die beiden schafften es nicht mal, sich anzubrüllen oder sich schmutzig zu machen, obwohl es am Tag zuvor geregnet hatte und der Hinterhof auch sonst nicht gerade appetitlich aussah.
"What does it all mean?", fragte ich David the good boy irgendwann.
"It's 'bout honour", erklärte er treuherzig.
"That's bloody bullshit."
Erschrockener Blick. "Girls shouldn't talk like that." (Ach ja, aber wenn
bei einem Mann jedes dritte Wort "fukkin'" ist, ist das natürlich okay.)
"Nevertheless it's bullshit."
David wand sich ein bisschen und erklärte umständlich, dass Perce jetzt
als gehörnter Mann gelten würde (Hö? Ich war doch nicht fremdgegangen und
an eine Hochzeit konnte ich mich auch nicht erinnern), und um seine Ehre
wiederherstellen zu können, müsse er diesen Kampf gewinnen.
(Sag ich doch - bullshit.) Das Ganze wäre natürlich eher symbolisch gemeint
(was du nicht sagst), schon etwas ernst, aber nicht so richtig.
"If it was pure fun they'd laugh."
"Okay, it's some kind of serious."
Aha. Damit hatte ich die Sache immer noch nicht verstanden - und ich habe
sie bis heute nicht verstanden.
Irgendwann schaffte Mel es, es so aussehen zu lassen, als hätte Perce ihn umgehauen. Dass das geschauspielert war, sah auch ein Blinder, aber die Jungs waren damit zufrieden. Man lud mich höflich ein, vor meiner Abreise nach Deutschland doch noch mal zum Tee vorbeizukommen, und zog dann mit Perce von dannen, während ich bei Mel zurückblieb. Das gefallene Mädchen bekommt den Verlierer. Oder so ähnlich sollte dieses Symbol wohl gedeutet werden.
Vermutlich hätte das gefallene Mädchen jetzt dem Verlierer laut
wehklagend die Wunden verbinden sollen. Aber für solche Dinge bin ich
einfach nicht geeignet. Ich war über das Theater verärgert und fand nichts
Romantisches an dem Gedanken, Gegenstand eines eigentümlichen Ritterturniers
gewesen zu sein.
Hinzu kam, dass ich noch ein paar Tage in dieser Stadt sein würde (ich weiß
heute nicht mehr, wie viele es waren), mit Sack und Pack bei den anderen
ausgezogen war und nun im Begriff stand, bei einem mir vollkommen Fremden
einzuziehen. (Okay, die anderen Jungs hatte ich vorher auch nicht gekannt.
Aber dies waren in etwa die Gedanken, die ich im ersten Moment hatte, als
Mel und ich allein in dem Hinterhof zurückblieben.)
Als er die Augen aufschlug - blau, ein merkwürdiges Dunkelblau, fast
eine Art Türkis - (er hatte so getan, als wäre er k.o. gegangen), begannen
sich diese Gedanken zu revidieren. Er war kein Fremder. Wir kannten uns
schon tausend Jahre und eine Ewigkeit. Wenn es so was wie Seelenwanderung
gibt, dann waren wir uns in einem früheren Leben schon mal begegnet und
würden uns immer und überall wieder treffen, selbst, wenn wir uns
zwischendrin aus den Augen verloren.
Eine Weile bewegte sich keiner von uns. Er lag wie hindrapiert vor einer
umgestürzten Holzbank, ich stand immer noch am Eingang des Hinterhofs.
Dann setzte die Verlegenheit ein. Bei ihm zumindest. Er war es nicht gewohnt, sein Leben mit jemandem zu teilen, jemanden daran Anteil haben zu lassen. Ihm sei, so sagte er später, in diesem Moment klar geworden, dass er jetzt nicht mehr zurück konnte. Er hatte eine Entscheidung getroffen, die er nicht zurücknehmen konnte. Das machte ihn nervös. Er sprang auf, klopfte sich den Staub von der Hose und wurde hektisch. Ob wir mein Gepäck abholen müssten? Öh, nö. Ob ich denn auch alles hätte? Ja, ja. Wie lange ich denn noch bliebe? So zwei, drei Tage. (Glaub ich.) Er wäre ja gar nicht auf Besuch eingestellt (aha) und er hoffe, ich würde mich wohlfühlen bla bla.
Er wohnte nicht weit von den Jungs entfernt, auch in einem dieser
heruntergekommenen Arbeiterhäuser. Allerdings sah es innen wesentlich besser
aus als das der Jungs. Keine vergammelte Küche und kein Badezimmer, bei dem
jede Frau Anfälle bekommt. (Schreianfälle, Ekelanfälle, Anfälle unvorstellbaren
Ausmaßes wegen der ekligsten Toilette der Welt.) Auch kein schimmeliger
Keller, in dem eine Punkband übte. Keine Tapeten aus drei Jahrhunderten.
Alles war eher ordentlich eingerichtet, aber sehr schlicht, irgendwie
studentisch. IKEA-Regale, einfache, solide Möbel, helle Farben, ein wenig
unpersönlich, aber auch nicht stillos. Viele persönliche Dinge hatte er
trotzdem nicht. Keine Familienfotos. (Ich würde noch herausfinden, warum.)
Tonnen von Büchern, Berge von Schallplatten, eine Gitarre, etwas Bastelkram
elektronischer Art. Das war letztlich alles.

Eigenes Bild - Das ekligste Klo der Welt!
Er blieb hektisch. Ob ich was essen wolle? Na und ob, ich hatte zwei
Wochen lang praktisch nichts zu essen bekommen. Ihm gegenüber hatte ich auch
keine Scheu, das zu erklären. Nun ja, die Leute hier wären eben sehr stolz.
Sie teilten alles mit ihren Gästen, was sie hätten, und es ginge nicht,
dass die Gäste die Gastgeber bewirteten. Außer Tugenden und Stolz hätten
sie ja nichts. Nein, viel gab es hier wirklich nicht, woran man sich halten
konnte.
Ich saß in dem Korbstuhl in der Küche und sah ihm beim Kochen zu. Noch immer
war er nervös. Ich weiß noch, dass ich meinte, er solle nicht viel machen,
ich wäre nach längerem Dauerhunger inzwischen auf kleine Portionen
eingestellt. Und dass ich davon erzählte, wie es mir einmal gelungen war,
meinen Bewachern zu entkommen und so was wie einen Burger zu kaufen. Ich
hatte nur die Hälfte davon essen können und mich geschämt, als ich die
andere Hälfte unauffällig entsorgte. Jetzt erfuhr ich auch endlich, warum
die Jungs mir auf Schritt und Tritt überall hin folgten. In dem Viertel
gab es gefährliche Gangs. Ob mir nie das ständige Heulen von Autosirenen
aufgefallen wäre oder die Hubschrauber? Doch, schon. Nun ja, hier würde
eben geklaut, eingebrochen, überfallen, vergewaltigt. Ich dürfe hier
nicht allein rumlaufen, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit.
Okay, aber mal einmal rüber zum Laden - das wäre dann schon ein wenig
albern, oder? Aber auch nur ein ganz kleines Bisschen.
Ich werde bis heute das Gefühl nicht los, dass sie alle ein wenig
übertrieben.
Nachts hörte man Dinge, denen man wohl besser nicht auf den Grund ging,
aber am Tage lagen die endlos gleichen Straßen manchmal sogar wie
ausgestorben da.
Es gab also endlich mal was Richtiges zu essen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was es war. Es war auf jeden Fall nicht allzu englisch und somit essbar. Vielleicht war es auch nur deshalb essbar, weil ich hungrig war. (Mel hat später selten gekocht, und ich kann beim besten Willen nicht sagen, ob er ein guter Koch war. Ich weiß, was er am liebsten mochte, aber das habe ich dann zubereitet.) Woran ich mich erinnere ist, dass ich fröhlich futterte, während er kaum etwas aß, sondern da saß und mich anstarrte. Mit einer Faszination, als wäre ich ein seltenes Museumsstück, aber auch mit einer gewissen Sorge. Ja, er hatte irgendwie Angst.
Ich weiß nicht mehr genau, was wir den Rest des Abends machten. Herumsitzen, Smalltalk betreiben, Musik hören. So etwas in der Art. Er versuchte in jedem Fall das Schlafengehen hinauszuzögern und war weiterhin nervös. Ich denke, ich wunderte mich hauptsächlich über ihn und war neugierig, was noch so passieren würde. Ich war auch ein wenig ungeduldig. Der Typ, der Sex lange hinauszögert, war ich noch nie. Wenn ich will, will ich gleich. Ich brauche weder eine Anlaufphase noch ein Vorspiel oder sonst irgendwelchen Kram. Und dass es bei uns darauf hinaus laufen würde, war schon klar gewesen, als wir uns in diesem Pub in die Augen gesehen hatten.
Ich war gespannt, ob er mir ein Gästezimmer anbieten würde. Nachdem er den Abend über versucht hatte, sich von mir fern zu halten und vor Nervosität fast starb, als wir schließlich nach oben gingen, traute ich ihm das zu. Aber er führte mich dann doch in sein Schlafzimmer, ebenso studentisch, irgendwie jungenhaft eingerichtet. Und es folgte ein schüchternes ob ich "das nicht irgendwie übernehmen" könne, er habe noch nie ...
Er war 10 Jahre älter ich, also Ende 20, fast 30. Ein Mann, der durch
seinen schmalen, athletischen Körperbau auf eine gewisse Weise zierlich
und zerbrechlich wirkte, was durch das blonde Haare noch unterstrichen
wurde, aber die Rolle als harter englischer Cop beherrschte er trotzdem.
Ich hatte schon eine Ahnung erhalten, wie verklemmt britische Männer waren,
aber eine Jungfrau hatte ich trotzdem nicht erwartet.
Heute verblüfft mich dieser Umstand jedoch weitaus mehr als damals.
Entflammt und eifrig und auf eine eher männliche Art und Weise darauf
bedacht, zum Zug zu kommen, entsann ich jenes Spiel, das mein Sexualleben
bis heute prägt und ohne das mich alles langweilt, was man mir anbietet.
Nun darf man sich darunter keinen furchtbaren Schweinkram vorstellen oder wilde Fesselspiele, inklusive irgendwelcher Klischees a la Peitschen. Mir wurde erst sehr viel später klar, dass das, was wir da praktizierten, ursprüngliches BDSM war, in seiner reinen Form, in dem alles auf Vertrauen ausgerichtet ist. Da geht es nicht um Schmerz oder um Unterwerfung, sondern um totales Öffnen füreinander und völlige Hingabe, von beiden Seiten, wobei einer jedoch die scheinbare Führung übernimmt, letztlich aber das ausführt, was sich der scheinbar Geführte wünscht. Die "Kunst" besteht sozusagen darin, diese Wünsche zu lesen, zu erfühlen und zu verstehen, denn auch dieses "wir setzen uns vorher hin und reden darüber, was du willst und vereinbaren ein Zeichen, mit dem du ein Ende signalisieren kannst" gehört in das Klischee-BDSM, das durch die Gewaltphantasien von Leuten wie de Sade in Schieflage geriet und in jüngerer Zeit mit Symbolen wie eben Lack, Leder und Peitschen überzogen wurde.
BDSM in seiner Grundform spielt manchmal mit tatsächlichen Fesseln,
manchmal aber auch nur mit eingebildeten, die es dem Sub verbieten, sich
zu bewegen, den Top zu berühren, ehe dieser es ihm nicht erlaubt. Es spielt
auch mit speziellen Schmerzreizen, bei denen bestimmte Nervenstränge
stimuliert werden.
Das Bondage war es, das uns auf eine merkwürdige Art verband bzw.
sprichwörtlich aneinander fesselte. Ich kann es bis heute nicht leiden,
wenn mich ein Mann ohne Erlaubnis anfasst, und Mel hätte sich wohl nie
einer Frau ohne Erlaubnis genähert, sondern immer auf eine
unmissverständliche Aufforderung gewartet. Vermutlich war dies auch der
Grund für seine Jungfräulichkeit.
Wir verbrachten die Tage, die ich noch in Leeds weilte, mehr oder
weniger in diesem Schlafzimmer, ehe wir uns zwangsläufig trennen mussten.
Wir sprachen nicht großartig darüber, aber es war klar, dass ich
irgendwann zurückkehren würde. Für ihn wäre eine Umsiedelung nach
Deutschland noch schwieriger gewesen als es für mich eine Hürde darstellte,
nach England zu gehen.
Hier haben wir dann den Grund, weshalb ich kein Abitur machte, sondern
meine Schullaufbahn vorzeitig beendete. Mit Fachabitur kann man ja auch
leben. In dem Alter erscheinen einem solche Dinge nicht sonderlich
wichtig. Man würde sich schon irgendwie durchschlagen. Dass meine
Berufsaussichten in England nicht gerade die besten waren, machte ich
mir zu dem Zeitpunkt nicht klar.
Fortsetzung folgt ...
(Autor: IGiveInToSin)

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