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GESCHICHTE
EINER EHE

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DIE GESCHICHTE EINER EHE

Teil 4

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So etwa zwei, drei Monate nach dem Besuch - es war jetzt Oktober - kehrte ich also nach Leeds zurück, diesmal mit etwas mehr Gepäck, um zumindest alle wichtigen persönlichen Dinge dabei zu haben. Im Herbst - zum Zeitpunkt meines ersten Besuchs war das Wetter tatsächlich mal sehr gut gewesen, wie man mir versichert hatte - wirkte die Stadt noch maroder und schmuddeliger. Nicht mal der Stadtpark, der unmittelbar hinter dem Viertel begann, in dem wir wohnten, konnte diesen Anblick ein wenig aufwerten.

Ich zog also bei Mel ein, der die letzten Wochen anscheinend damit verbracht hatte, sein Heim umzugestalten, aufzuräumen, und der sich bemüht hatte, es auf die Bedürfnisse von zwei Personen einzurichten. Seine Kenntnisse über Frauen und ihre Ansprüche an eine praktische Küche oder eine helle Badezimmerbeleuchtung hielten sich allerdings in Grenzen. Er hatte wirklich noch nie mit jemandem zusammen gelebt, erst recht nicht mit einer Frau.
Heute würde mich ein solcher Umstand wohl warnen, damals nahm ich es mit jugendlicher Leichtigkeit als gegeben hin.

Es war keine Frage, dass wir heiraten würden. In einer so traditionellen Umgebung - ein Widerspruch in sich: auf der einen Seite hielt man sich für politisch motiviert, modern und aufgeklärt, auf der anderen Seite hielt man, was Beziehungen anging, an archaischen Bildern fest - war es unmöglich, längere Zeit zusammen zu leben, ohne dass daran jemand Anstoß nehmen würde, was massive gesellschaftliche Probleme nach sich gezogen hätte. Sprich: es gab keinen Antrag oder DIE große Frage. Mel setzte es einfach voraus. Es war wie eine feststehende Tatsache. Anders würde er sich diese (sexuelle) "Entgleisung" gesellschaftlich nicht "leisten" können.

Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass er sogar trotz Ehe meinetwegen in Schwierigkeiten geraten würde. Aufgrund der großen inneren Verbundenheit sprach aus meiner Sicht nur einfach nichts dagegen, ihn zu heiraten. Allerdings wusste ich ja nicht gerade viel über ihn. Heute würde ich das als Wahnsinn bezeichnen, andererseits würde ich es auch nicht anders machen. Er war eben der "Richtige". Das wusste ich, und daran hat sich bis heute auch nichts geändert. Es gab nicht nur diese "hormonelle Übereinstimmung", es gab auch eine sehr starke seelische Verbundenheit. Ich kannte ihn sozusagen "inseitig", während mir die äußeren Gegebenheiten seines Lebens unbekannt waren.

Die anderen Jungs trugen weder Mel noch mir etwas nach. Durch dieses seltsame Duell in dem Hinterhof waren die "Besitzverhältnisse" geklärt worden, Perces Ehre wieder hergestellt und alle glücklich. Somit gab es hier gute nachbarschaftliche Verhältnisse, und ich hatte weiterhin einen Wachhund, wenn Mel keine Zeit hatte, auf mich "aufzupassen".
Meistens war es David the good boy, der getreu neben mir hertrabte, als ich versuchte, die Stadt auf praktische Weise zu erkunden, also z.B. Läden zu finden oder - sehr viel schwieriger - einen Job. Denn von Mel finanziell abhängig sein wollte ich dann doch nicht.



Hochzeit

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Und David wurde auch zum Trauzeugen ernannt, als wir im Dezember auf sehr schlichte Art und Weise heirateten. Einfach auf dem Standesamt mit einer kleinen anschließenden Feier für Bekannte und Nachbarn in einem schottischen Pub.
Das war der erste entscheidende äußere Umstand, den ich über meinen Ehemann lernte: er war gebürtige Schotte.
In Großbritannien ist dies ungeheuer wichtig. Ein Schotte oder ein Waliser mag Brite sein, aber er ist unter keinen Umständen Engländer. Niemals! Wer behauptet, ein Schotte sei Engländer, riskiert es, danach einen Kopf kürzer zu sein.
Zwar lebte Melcalm schon lange in Nordengland, wie er mir sagte, aber geboren sei er eben in Schottland und er habe schottische Vorfahren. Somit sei er Schotte. Daran gäbe es nichts zu rütteln.

Bei Engländern ist es - unabhängig davon, dass sie weder Schotten noch Waliser oder Nordiren sind - ebenfalls wichtig, woher sie kommen. Also die Grafschaften spielen eine enorm wichtige Rolle.
So hatte David the good boy etwa das Pech "aus dem Süden" zu stammen - um dann aus einer Mischung aus Protest, irgendeiner inzwischen verflossenen Liebe und Abenteuerlust - in Yorkshire zu stranden. Neben "be a good boy, David" musste er sich auch noch beständig Spott über seine "posh speech" und den Umstand anhören, dass er kein "echter Yorkshire man" sei.

Die Yorkshirer sind ein sehr merkwürdiger Menschenschlag - noch merkwürdiger als andere Engländer - und stehen traditionell den Schotten näher als den "Südengländern". Man besitzt so etwas wie Respekt für den Kampf der Schotten um ihre Unabhängigkeit von England und betrachtet sie als "stolze Unterdrückte".
So war es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass man für diese Feier in dem schottischen Pub eine Handvoll echter Schotten auftrieb, die die Yorkshire men so begeistert feierten, als hätten die gerade geheiratet, während man David den halben Abend über erklärte, was echte Schotten und echte Yorkshire men so ausmache.

Für mich war eher interessant, dass Mel zum ersten Mal in meiner Gegenwart einen Kilt trug. Ich fand heraus, dass ich eine Schwäche für Männer habe, die Röcke tragen. (Wenngleich man ebenfalls riskiert, einen Kopf kürzer zu sein, wenn man sagt, ein Kilt sei ein Rock.) Und ich fand heraus, dass Sex auf Standesamtstoiletten und Pubtoiletten anstrengend und umständlich ist.
Ansonsten lernte ich eine Menge über schottische Musik, schottischen Tanz und schottische Trinkgewohnheiten. Letztere lassen an besonderen Traditionen, wie z.B. das Zerdeppern von Gläsern wie in Russland, missen, es geht nur darum, möglichst schnell möglichst besoffen zu sein.

Alles in allem war die Hochzeit also eher unspektakulär (hatte vor allem zum Ergebnis, dass Mel zu Hause keine Hosen mehr tragen durfte), und wir waren weiterhin eher damit beschäftigt, einen Alltag zu finden.



Fortsetzung folgt ...



(Autor: IGiveInToSin)



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