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GESCHICHTE
EINER EHE

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DIE GESCHICHTE EINER EHE

Teil 6

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Beim nächsten Zwischenfall dieser Art reagierte Mel jedenfalls bereits weitaus gelassener als zuvor. Dabei waren wir zu einer Geburtstagsfeier eines Vorgesetzten eingeladen - keine Ahnung, ob 40., 50. oder 60. Geburtstag und was genau für ein Vorgesetzter - der die ganze Abteilung zu sich nach Hause gebeten hatte.
Zunächst fand ich die Veranstaltung noch ganz interessant. Es war - bis auf den Zwischenfall auf der Wache in Leeds - das erste Mal, dass ich auf Kollegen von Mel traf. Denn außerhalb seines Dienstes verkehrte er mit ihnen nicht. Wir gingen zwar ohnehin nur selten aus - wir hielten es nie mehr als zwei, drei Stunden am Stück irgendwo ohne Sex aus - aber wenn, so trafen wir nur die Bekannten aus der Siedlung oder wir fuhren aus der Stadt raus, um uns etwas anzusehen.

Ich merkte allerdings ziemlich bald, warum er keinen Wert darauf legte, seine Freizeit mit seinen Kollegen zu verbringen. Wenn ich heute diese Krimiserien sehe, muss ich immer über die Darstellung dieser "fröhlichen" Arbeitsteams lachen, meist besetzt mit jungen, flippigen Schauspielern. Das hier waren jedenfalls langweilige, pedantische, neurotische Typen, die einerseits durch das, was ihnen die Arbeit außerhalb des Polizeigebäudes bot, unbewusst traumatisiert waren, andererseits durch die stupide Arbeit innerhalb der Mauern gelangweilt und gestresst waren.

Nachdem wir zwei Stunden über das Wetter geredet hatten, war uns langweilig. Und ... wie ich schon sagte, wir hielten es nie aus, mehr als zwei Stunden miteinander zu verbringen, ohne Sex zu haben ...
Es regnete, sodass alle im Haus waren, und ich hatte den absurden Einfall, die Terrasse zu nutzen. Mel protestierte wie immer und gab dann wie immer nach. Und nein, wir wurden nicht überrascht.

Danach hatten wir wieder die Geduld, noch etwas Smalltalk zu betreiben. Hierbei kam es dann zu der Situation, dass mich die Gastgeberin im Umdrehen aus Versehen anrempelte. Sie hatte eine Schale mit Schokoladenpudding mit Eischnee in der Hand. Sie entschuldigte sich und meinte gleich darauf erschrocken, sie sei wohl mit dem Eischnee an meinen Rock gekommen. Uns wurde jedoch sofort und gleichzeitig klar, dass sich der Eischnee unten in der Schale und die Schale sich nicht in Höhe des Rockes befand. Folglich musste es sich bei dem "Eischneefleck" auf meinem dunkelblauen Rock um eine andere Flüssigkeit handeln.
Sie wurde puterrot, und ich fürchte, ich habe gegrinst, weil sie ein so blödes Gesicht machte und sich für etwas schämte, womit sie nichts zu tun hatte.



Geschichte einer Ehe 6

© Michael Musto - "Festtafel"
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Das Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de



Ein paar Tage später erzählte Mel mir dann, dass die ganze Abteilung nun davon spräche, dass wir es auf dem Geburtstag seines Chefs getrieben hätten. Es erstaunte mich, dass er es von sich aus erzählte und dabei weitaus weniger verzweifelt wirkte als vorher. Darauf angesprochen meinte er, "I think thou art right that they just wish they had had sex themselves instead of talkin' 'bout borin' things."

Dennoch machte man ihm aufgrund dieser Geschichte - und der im Park - einige Probleme und redete davon, ihn versetzen zu lassen, weil er "nicht gut ins Team" passe. Die Wahl fiel dabei auf Manchester, was für uns nicht die schlechteste Idee war. Immerhin arbeitete ich ebenfalls dort, und ich war das Theater mit British Rail schon nach ein paar Wochen leid.

Über British Rail allein könnte man ein ganzes Buch schreiben. Über die Frage zum Beispiel, warum sich im Vorfeld nie herausfinden ließ, ob der Zug, dem man sich anvertraute, über Bradford oder über Huddersfield fahren (was einen Zeitunterschied darstellte) und ob man am Hauptbahnhof von Manchester oder an der Victoria Station landen würde (was einen Zeitunterschied darstellte) - und dass, obwohl man jeden Tag zur gleichen Zeit fuhr und es immer der Zug über Huddersfield zum Hauptbahnhof hätte sein sollen. Oder warum die Züge ständig Verspätung hatten, obwohl die von Manchester nach Leeds erst in Manchester eingesetzt wurden und nicht etwa schon zig Stationen hinter sich hatten. Oder ständig von einem anderen Gleis abfuhren. Oder warum die Züge so oft irgendwo mitten im Gelände hielten, ohne dass ein Bahnhof in der Nähe wäre.

Die Pendler richteten sich natürlich darauf ein. Bei unvorhergesehenen Halts wurden Chips und Karten ausgepackt oder ein Lied angestimmt oder man plauderte mit den anderen Geplagten. Aber auf die Dauer war British Rail einfach ein immerwährendes Ärgernis.
Ich kann mich an die einzelnen Zwischenfälle nicht mehr erinnern, weil jeden Tag etwas passierte - und wenn es nur eine Verspätung war. Dafür kann ich mich an eine Fahrt erinnern, bei der der Zug am angegeben Gleis zur angegebenen Zeit abfuhr, die im Fahrplan ausgeschriebene Strecke nahm und zur angegebenen Zeit ankam. Da dies noch nie vorgekommen war, verließen die Pendler Beifall klatschend den Zug.

Wir planten also nicht ohne Freude den Umzug nach Manchester. Zuvor aber lernte ich zu meiner Überraschung Melcalms Familie kennen.
Es war insofern eine Überraschung, dass der Besuch nicht angekündigt war, und natürlich, weil Mel seine Familie noch nie erwähnt hatte. Er hatte sie derart aus seinem und unserem Leben ausgeklammert, dass sie für mich gar nicht existent war, etwas, was er - wie er später sagte - durchaus so beabsichtigt hatte. Und ich merkte auch umgehend warum.



Fortsetzung folgt ...



(Autor: IGiveInToSin)



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