DIE GESCHICHTE EINER EHE
Teil 7

Schon die Ankunft von Mels Familie hatte etwas Bedrohliches, Befremdliches an sich. Sie standen einfach vor der Tür - ein Mann um die 60, zahnlos, ungekämmtes, schütteres Haar, unverkennbar schwerer Alkoholiker - ein Mann um die 35, grobschlächtig, an ein Schwein erinnernd - eine Frau um die 55, ziemlich kräftig gebaut, um nicht zu sagen fett, ebenso unverkennbar schwere Alkoholikerin - eine Frau um die 30, noch dicker als die ältere Frau, mit dünnem, fettigem Haar. Allesamt ungepflegt, um nicht zu sagen schmutzig, schlecht gekleidet, ekelerregenden, ranzigen Geruch ausströmend.
Ich war allein zu Hause - Mel war Brot oder so was kaufen gegangen -
und dachte zunächst nicht im Traum daran, diese seltsamen Gestalten ins
Haus zu lassen, obwohl dies die erste Frage war, die gestellt wurde:
"Can we come in?"
Öh, nö, wer sie denn überhaupt wären und zu wem sie wollten.
Na, hier würde doch Melcalm ... wohnen, und sie wären seine Eltern und
der Bruder samt Frau. Wer ich denn wäre.
Na, Mels Frau.
Ach, er hat inzwischen geheiratet, na, dann wär's ja an der Zeit, dass
wir uns kennen lernten. (Die dicke ältere Frau versuchte, mich zu
umarmen, was ich aber um Verrecken nicht wollte und dem auswich.)
Nun ja, äh ... (Ich wusste jetzt natürlich schlagartig, warum Mel mir
dieses Szenario vorenthalten hatte. Es war mir unmöglich, mir
vorzustellen, dass er mit diesen Leuten aufgewachsen war. Er war so
anders - so ordentlich, sauber, manierlich und gebildet. Also das
komplette Gegenteil von diesen Leuten hier.)
Der Bruder schubste mich schließlich einfach beiseite (dies besiegelte
unsere Feindschaft) und stapfte ins Wohnzimmer - das gesamte Gefolge hinter
ihm her -, wo sie sich ungefragt auf der Couch breit machten, sich darüber
beklagend, dass es keinen zweiten Sessel gab und ob nichts zu trinken
im Haus wäre.
Ich blieb an der Wohnzimmertür stehen und erklärte kühl, wir hätten nie
Alkohol im Haus. Sie könnten ein Wasser haben oder Tee. (Und dachte mit
Ekel daran, dass sie aus unseren Gläsern und Tassen trinken würden. Ich
konnte mir in dem Moment noch nicht mal vorstellen, jemals wieder auf der
Couch sitzen zu wollen. (Wir haben dann auch eine neue gekauft,
als wir umzogen.)
In diesem Augenblick kam Mel zurück, und ich lernte völlig neue
Seiten an meinem Mann kennen. Im ersten Moment war er erschrocken, dann
wurde er eisig und unnahbar, mit einer so enormen unterschwelligen Wut,
die den ganzen Raum zu erfüllen schien.
Was sie denn hier wollten? (Er sagte später, er habe sie nicht erkannt,
aber dennoch sofort gewusst, wer sie seien.)
Unschuldige Blicke der Familie. Sie hätten ihn Jahrzehnte lang gesucht,
seitdem die blöde Tante vom Jugendamt ihn mitgenommen hätte
(aha, so war das also), und nun dieser unfreundliche Empfang?
Er wüsste genau, dass sie ihn nicht gesucht und auch sonst nichts
unternommen hätten. Ihr plötzliches Interesse könne also nur unlauter
sein. Vermutlich bräuchten sie Geld oder ihnen wäre langweilig.
Nein, nein, gar nicht wahr. Sie hätten alle Kinder, die man ihnen
unrechtmäßig weggenommen hätte (ach, du Schande), wieder zurück in die
Familie geholt, und alle wären jetzt wieder glücklich vereint. Nur er
fehle noch.
Er könne auch sehr gut auf sie verzichten.
Das fanden sie undankbar und gemein. Sie hätten schließlich nichts
dafür gekonnt, dass das böse Amt gemeint hätte, die Kinder seien nicht
gut bei ihnen aufgehoben.
Die Wut wurde noch extremer, als er - immer noch mit leiser Stimme -
erwiderte, dass Behörden nicht immer zu etwas nütze seien und dort auch
viele Fehler begangen würden, aber man bei einer vollkommenen Verwahrlosung,
Gewalt, Missbrauch und Freiheitsberaubung wohl kaum von einem Irrtum
sprechen könne.
(Ich begann mich an diesem Punkt zu fragen, ob seine sexuellen Vorlieben
des Sichunterwerfens ein Produkt dieser Kindheit waren und ob es tatsächlich
gut für ihn war, diese in dieser Form auszuleben, oder ob sie ihm halfen,
diesen Punkt seiner Vergangenheit aufzuarbeiten.)

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Man müsse die Vergangenheit doch auch mal ruhen lassen, Familie sei
doch ein so wichtiges Gut bla bla, und nun seien doch alle glücklich,
und er habe eine nette, junge Frau - unverschämtes, anzügliches Grinsen
des Bruders in meine Richtung - und so weiter und so fort.
Mel ließ sich nicht erweichen und forderte sie auf, unser Haus zu verlassen.
Sie blieben ungerührt sitzen und meinten, man könne ihnen doch wenigstens
eine Tasse Tee anbieten und über alles reden. Schließlich hätten sie nichts
falsch gemacht oder zumindest nichts Schlimmes getan. Für die Sache mit dem
Jugendamt könnten sie ja nichts.
Mel erklärte, er habe keinen Bedarf mit ihnen zu reden, sie sollten gehen
und nicht wiederkommen.
So drehte sich das Gespräch noch eine Weile im Kreis, bis die Frau des
Bruders die Geduld verlor und sich erhob. Sie strebte jedoch nicht in
Richtung Haustür, sondern in die Küche. Ich eilte ihr nach, denn ich wollte
diese Tante nicht in meiner Küche haben.
"We'd have some tea", fand sie und wollte sich daran machen, die
Schränke zu durchwühlen.
Ich stellte mich ihr todesmutig in den Weg - sie war einen Kopf größer als
ich und ungefähr dreimal so breit - und erklärte, sie sollte lieber mit
den anderen das Haus verlassen.
Zum Glück (für mich) hatten es sich die anderen derweil anders
überlegt und walzten in die Halle (also in den Flur, "the hall" eben) und
der Bruder rief nach ihr, nannte sie dabei schlicht "lassie" (also "Mädel").
Sie gab nach und gesellte sich zu den anderen.
Sie waren nicht einmal beleidigt, meinten nur, sie verstünden Mels
Ablehnung nicht. Man hätte doch einen Neuanfang machen können bla bla.
"Yeah, it's a pity", meinte der Bruder mit einem öligen Lächeln,
"would've been nice to get in touch with thee'n' thy pretty wife."
Dabei wollte er mir wohl einen Klaps geben, wozu es aber nicht kam, denn
mein sonst so sanfter, gehorsamer Ehemann fing den Arm des Bruders auf, noch
ehe er richtig in Bewegung war. Es kam ein gezischtes "Don't touch her
or I'll break thy arm!", und der Bruder verzog schmerzverzerrt
das Gesicht.
Okay, ich hätte mich von dem Typen nicht anfassen lassen wollen. Aber
Mels spürbare, sichtbare Eifersucht irritierte mich für einen Moment.
Er war sonst nie eifersüchtig. Ich war ja viel mit den anderen Jungs
unterwegs, besonders mit David the good boy, der mich sogar morgens
abholte und zum Bahnhof brachte und dort abends dann wieder auf mich
wartete. Aber daran hatte Mel nie Anstoß genommen. Ja, er schien beinahe
zu erwarten, dass David so handelte, als hätte er ihn persönlich als
Wachhund engagiert. (Vielleicht hatte er das ja sogar.) Und nun raste
er vor Eifersucht.
Allerdings dürfte sich diese Eifersucht auf etwas anderes bezogen
haben. Ich war seine Familie, die Familie, die er sich selbst ausgesucht
hatte, für die er sich entschieden hatte, keine, in die man eben
hineingeboren wird und mit der man dann leben muss. Und diese Familie
wollte er nicht teilen. Schon gar nicht mit jemandem, den er
offenkundig verabscheute.
Er bugsierte sie also aus dem Haus, warf die Tür hinter ihnen ins
Schloss und stand dann eine Weile bewegungslos im Flur. Wir wussten beide,
dass er mir so etwas wie eine Erklärung oder eine Geschichte schuldig war.
Andererseits waren die Fakten offenkundig. Ich sah, wie er mit sich rang
und dass er drauf und dran war, erst mal spazieren zu gehen, um seine
Gedanken zu ordnen.
Da das Haus nun beschmutzt erschien - der Geruch, der von ihnen
ausgegangen war, hing noch im Flur und im Wohnzimmer -, war ich es dann,
die die Fenster öffnete, unsere Jacken holte und ihn stillschweigend zu
einem Spaziergang aufforderte.
Wir sprachen lange nicht, während wir durch den Stadtpark gingen, der in der Dämmerung lag. Er kämpfte weiter mit sich, war mit Dämonen beschäftigt, die anscheinend vor langer Zeit irgendwo in seinem Inneren eingesperrt und nun wieder befreit worden waren. Ich fragte nicht nach den Bildern, mit denen er konfrontiert war, ahnte, dass es besser war, wenn er sie mir von sich aus schilderte. Und ich wusste, dass er Recht damit gehabt hatte, seine Vergangenheit aus unserer Ehe auszusperren. Sie brachte etwas Dunkles und Hässliches hinein, das es zuvor nicht gegeben hatte. So beschloss ich, gar nicht danach zu fragen, obwohl es mir sehr schwer fiel. Zumal es jetzt so drängende Fragen gab wie die, wo er denn aufgewachsen sei, nachdem man ihn aus der Familie genommen hatte. In Heimen? Bei Pflegefamilien? War er vom Regen in die Traufe gekommen? Immerhin hatte er gesagt, niemals glücklich gewesen zu sein.
Tatsächlich lag für die restliche Zeit, die wir noch in Leeds wohnten,
so etwas wie ein Schatten über der Beziehung, der nur langsam wich. Ich
nutzte die Gelegenheit, um einige Zeit in Deutschland zu verbringen, während
er seinen Dienst abwickelte und den Umzug organisierte.
Diese Zeit allein tat ihm gut, und als wir dann nach Manchester umzogen,
blühte die Beziehung wieder richtig auf, war sogar intensiver als zuvor.
Fortsetzung folgt ...
(Autor: IGiveInToSin)

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