DIE GESCHICHTE EINER EHE
Teil 9

In unserem Alltag änderte sich zunächst nicht allzu viel, abgesehen davon, dass mir Abenteuer mit British Rail nun erspart blieben. Das neue Viertel, in dem wir wohnten, war dem in Leeds nicht unähnlich. Nicht ganz so gefährlich, ein klein wenig gediegener, aber auch voller endloser alter Arbeiterreihenhäuser aus der Zeit der Industrialisierung. Die waren einfach am billigsten - wenn man von den Mietskasernen einmal absieht - und letztlich auch gar nicht so schlecht.
Auch David the good boy fand sich wieder ein, der sich anscheinend
nicht von uns trennen konnte und eine Weile nach uns ebenfalls nach Manchester
zog. Allerdings hatte er nun sein Studium beendet und einen Job gefunden,
was, wie der geneigte Leser inzwischen weiß, in Leeds nahezu aussichtslos
gewesen wäre. Insofern lag es wohl eher daran als an uns.
Da man in der Gegend, in der wir jetzt wohnten, aber nicht mehr ständig
damit rechnen musste, überfallen zu werden, hatte ich ihn jetzt nicht
mehr als Wachhund an den Fersen. Aber ich unternahm das eine
oder andere mit ihm, wenn Mel keine Zeit hatte.
Meinen Job fand ich zunehmend langweilig, zumal ich ohnehin kein Typ
für Routine bin. Mich langweilt fast jede Tätigkeit nach einer gewissen
Zeit. Schon da zeichnete sich ab, dass ich für die normale Berufswelt
einfach nicht gemacht bin. Es ist mir unmöglich, mich unterzuordnen, und
es wird mir wohl nie möglich sein, nur einen bestimmten Beruf auszuüben.
Ich fing an, mich wegen Kleinigkeiten krank zu melden und wegen der
Arbeitszeiten zu mogeln. Sprich: ich organisierte meinen Dienst so, dass
ich alle übertragenen Aufgaben schaffte, aber immer Zeit dazwischen fand,
um - da ich ja nun nicht mehr mit dem Zug fahren musste - z.B. einzukaufen
und die Einkäufe nach Hause zu bringen. Oder generell einfach zu Hause
zu sein, während ich vorgab, im Außendienst unterwegs zu sein.
Zunächst hatte ich den Eindruck, als sei Mel mit seiner neuen Dienststelle zufriedener als mit der in Leeds, wenngleich er wenig bis nichts darüber erzählte. (Was ja nichts Neues war.) Aber hatte er in Leeds oft sehr gestresst gewirkt, wenn er vom Dienst nach Hause kam, war er jetzt wesentlich entspannter.
Umso erstaunter war ich, als ich an einem späten Vormittag mal wieder
die Arbeit schwänzte, und er nur - wenige Stunden nachdem er zum Dienst
gegangen war - ebenfalls nach Hause kam und sich kalkweiß im Gesicht in
einen Korbstühle in der Küche fallen ließ, wo ich gerade Einkäufe wegräumte.
Was denn passiert wäre?
Er zögerte eine Weile, druckste ein wenig herum, erklärte dann, er habe
nach Hause gehen müssen, weil ihm schlecht geworden war.
Ob er sich übergeben habe?
Stummes Nicken, gesenkter Blick.
Einfach so? (Mir war instinktiv klar, dass es da nicht darum ging, dass er
was Falsches gegessen hatte.)
Langes Schweigen. Dann: "Coz of a dead body." Pause. "The first time
somethin' like this happened to me."
"Hope, thou aren't embarrassed coz of it." Kann schließlich jedem passieren,
auch einem Mitglied der sogenannten "Mordkommission".
Flammendes Erröten.
Ich hockte mich vor ihn und versuchte ihn davon zu überzeugen, dass das
nicht tragisch sei. Es gäbe eben solche Momente, an denen einem so was zu
viel sei, auch, wenn man den Anblick von Leichen gewöhnt sei. Bla bla.
Ob sie sehr schlimm zugerichtet gewesen sei? Ein Mordopfer?
"Some kind of." Lange Pause. "A child."
Weiter gutes Zureden. Es sei doch immer schrecklich, wenn Kindern etwas
passiere. Warum sollte ihn das nicht aus der Bahn werfen? Nur, weil er
Polizist sei? Natürlich nehme ihn das ebenso mit wie Normalsterbliche. Bla bla.
Ja, aber, den anderen sei doch auch nicht schlecht geworden.
Sei nicht blöd. Natürlich geht es den anderen auch schlecht. Sie hatten
vielleicht nur nicht grad vorher gefrühstückt. - Dann der entscheidende
"Fehler": Wie das Kind denn gestorben sei?
Er erlitt einen Nervenzusammenbruch, begann hemmungslos zu weinen und
konnte sich ewig nicht beruhigen, geschweige denn in irgendeiner Form
kontrollieren.
Ich gab mein Bestes, um ihn aufzufangen, ihn zu trösten, hielt ihm den Kopf,
als er sich nochmals übergeben musste, brachte ihn schließlich ins Bett,
legte mich zu ihm, bemühte mich, einfach da zu sein und die Sicherheit zu
vermitteln, die er offenbar nur bei mir finden konnte.
Eine Weile dachte ich daran, einen Arzt zu rufen, aber die möglichen
Konsequenzen (z.B. eine Einweisung ins Krankenhaus wegen Selbstmordgefährdung,
die ihm nicht im Mindesten geholfen hätte), hielten mich davon ab.
Dazwischen setzte ich die bruchstückhaften Schilderungen zusammen, bei
denen sich - wie mir erst nach und nach klar wurde - zwei verschiedene
Geschichten vermischten.
Die eine betraf das tote Kind. Man hatte es in einer dieser vielen, elenden Wohnungen in einer der Mietskasernen in einem dieser üblen Viertel gefunden, in denen man in Manchester alles stopfte, was nicht gesellschaftsfähig schien - Ausländer, Arbeitslose, Asoziale. Die Eltern waren Junkies und / oder Alkoholiker, ein sehr junges Paar, das mit dem Kind anscheinend überfordert gewesen war und es deshalb in einem Zimmer der Wohnung eingesperrt und Zug um Zug verhungern und verdursten hatten lassen.
Er sprach von dem übermächtigen Bild in seinem Kopf, das er nicht abzuschütteln vermochte: dieses magere, leblose Bündel auf einem verdreckten Bett in einem abgedunkelten, kahlen Zimmer, in dem es kaum etwas gab, was für ein Kind geeignet gewesen wäre, in einer Ecke Stapel mit Näpfen mit angetrockneten, verschimmelnden Essensresten, über allem ein unerträglicher Gestank nach Urin, Kot, Fäulnis und Tod. Am Kopfende des Bettes ein staubiger Teddy mit traurigen Augen.
Es war nahezu unmöglich, ihn davon zu überzeugen, dass dieses Bild so grausam war, dass man sich nicht dafür schämen musste, wenn es Gefühle in einem auslöste. Erst ein "look at me - I didn't see it with my own eyes but it makes me cry", ließ ihn ein klein wenig von der Überzeugung abweichen, er hätte darüber stehen müssen.

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Die andere Geschichte betraf ihn selbst. Ich hatte aufgrund des
Auftritts der Familie in Leeds ja bereits eine Vorahnung erhalten, was
das betraf. Nun fing ich jedoch erst richtig an zu verstehen, dass er
sich mit diesem Kind identifizierte.
Und nach und nach setzte sich das Puzzle zusammen: Anscheinend stammte
er aus den schottischen Lowlands, wo die Eltern abseits einer kleineren
Ortschaft auf einem halb verfallenen Hof gehaust hatten. Die Mutter hatte
zahlreiche Kinder von wechselnden Partnern - der Mann, der als Vater
aufgetreten war, war also vermutlich nicht der leibliche -, um die sie sich
aufgrund ihrer Alkoholsucht nicht kümmern konnte. Wann immer sie
überfordert war - und das war sie anscheinend meistens - schlug sie die
Kinder und sperrte sie ein.
Sie hatte keinen Überblick über den Haushalt, sodass es mal viel zu essen
gab und mal gar nichts, weshalb die Kinder alle mangelernährt und
ständig krank waren. Regelmäßig gewaschen oder sauber bekleidet wurden
sie natürlich auch nicht.
Dazu kamen dann noch diese Männer, die sich auf dem Hof herumtrieben und
sich je nach Temperament die Kinder mit Schlägen vom Leib hielten oder
gefügig machten.
Er selbst sei nicht sexuell missbraucht worden, behauptete er, aber er
habe gesehen, wie einer der Männer eines der Mädchen vergewaltigt habe.
Diesen Zuständen setzte das "böse Jugendamt" irgendwann ein Ende, als
der örtlichen Schule auffiel, dass die älteren Kinder der Schulpflicht
nicht nachkamen und man beim Amt nachfragte. Das schickte - als auf Briefe
nicht reagiert wurde - einen Inspekteur vorbei, der vor Schreck vermutlich
erst mal in Ohnmacht fiel und dann die Polizei rief. Die Kinder kamen
allesamt in ein Heim.
Mel wusste nicht, wie viele Geschwister oder Halbgeschwister er überhaupt
hatte, und seine Erinnerungen an diese Kindheit waren generell lückenhaft.
Als das Jugendamt eingriff, war er irgendwas zwischen vier und sechs
Jahre alt - so alt, wie auch das gefundene, tote Kind in etwa gewesen war.
Er wusste auch nicht genau, was aus all diesen Kindern geworden war. Nur
von zwei älteren Brüdern (oder Halbbrüdern, darunter auch der, der uns in
Leeds aufgesucht hatte) wusste er, dass sie ihre Jugend in einem Heim
verbracht hatten und dann zu den Eltern zurückgekehrt waren.
Er selbst war nur sehr kurze Zeit in dem Heim gewesen und wurde wenig später
in eine Pflegefamilie in Newcastle-upon-Tyne gegeben, also weg aus
Schottland nach England.
Über diese Familie sagte er, sie sei nicht schlecht und nicht gut
gewesen, eine typische mittelständische englische Familie mit traditionellen,
englischen Tugenden und Wertvorstellungen. (Also - englische Männer zeigen
keine Gefühle in der Öffentlichkeit, sie sind unter keinen Umständen schwul,
sie sind immer höflich usw.)
Letztlich habe er sich dort immer als so etwas wie ein Gast gefühlt, obwohl
zumindest die Pflegemutter sich einigermaßen bemüht habe, so etwas wie ein
heimeliges Gefühl zu vermitteln.
"But she wasn't my mother, she wasn't able to be it coz she never gave up
some kind of emotional distance."
Der Kontakt zu dem Pflegevater, der letztlich nur gutes Betragen und
eine anständige Ausbildung erwartete und sich ansonsten aus der Sache
raushielt, war eher spärlich.
Die Schwester, auch ein Pflegekind, war eine "undankbare Zicke", die der
Pflegemutter sehr viel Kummer bereitete und später anscheinend in den
Drogensumpf abrutschte. (Aber wer weiß schon, welches unverarbeitete
Trauma dieses Mädchen mit sich herumschleppte.)
Meine Frage, ob er denn jemals psychologisch betreut worden sei,
erstaunte ihn. (Mich die damit verbundene Antwort, dass nie jemand auf
die Idee gekommen war, diesem traumatisierte Kind auf diese Weise zu helfen,
nicht mehr.) Ich begann zu begreifen, dass er glaubte, er müsse allein
dadurch, dass in dieser Pflegefamilie nichts Gravierendes vorgefallen war
und er ab dem 5. oder 6. Lebensjahr eine "normale englische Kindheit und
Jugend verlebt" hatte, vollkommen normal und von seinem Trauma als Kind
geheilt sein.
Schließlich ginge man nur dann zu einem Psychologen, wenn man "verrückt war,
nicht richtig funktionierte und keinen Beitrag zur Gesellschaft leisten
könnte". (Die typische Sicht englischer Männer eben).
Ihm kam überhaupt nicht in den Sinn, dass sein Kindheitstrauma Grundlage
für all seine späteren Probleme war. Mädchen anzusprechen zum Beispiel.
Freundschaften schließen. Er verstand nicht, wie das zusammenhängen sollte.
Er wusste also nicht einmal, dass seine emotionale Distanz zu Menschen eben
nicht normal war.
Stattdessen waren ihm seine sexuellen Wünsche peinlich (wie den meisten
englischen Männern), die aber vermutlich ebenso mit diesem Trauma
zusammenhingen - der Wunsch nach Unterwerfung und die leicht bisexuelle
Tendenz, die ich zu befriedigen wusste. (Ich gab ihm, der so wenig Ahnung
davon hatte, was in anderen Schlafzimmern vor sich ging, einfach das
Gefühl, dass es sich um gewöhnliche Praktiken handelte.)
Aber allein, dass er keine Ahnung hatte, was in anderen Schlafzimmern vor
sich ging, zeigte, wie sehr er sich vom normalen Leben abschottete, wie
wenig er in der Lage war, sich anderen Menschen zu nähern und einen Umgang
zu pflegen, in dem man solche Dinge in Erfahrung bringen konnte.
Warum er sich dann mir gegenüber öffnen und sich anvertrauen konnte - wenngleich der endgültige Schritt dazu ebenfalls seine Zeit gebraucht hatte - ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht muss ich es aber einfach darunter verbuchen, dass ich eben jenen Schlüssel zu seinem Traumschloss besaß, das er sich irgendwann in seiner wirren, trostlosen Kindheit gebaut hatte. So was wie eine rettende Fee, eine fast unwirkliche Gestalt.
Mir war klar, dass dies eine gewisse Gefahr in sich trug. Ich entsprach
offenbar einem Traumbild, das bisher genau so "funktioniert" hatte, wie er
es sich vorgestellt hatte. Sollte ich irgendwann einmal von diesem Bild
abweichen, könnte diese Beziehung auch in Bahnen abdriften, die
psychopathische Züge tragen könnte.
Und ich würde lügen, wenn ich sagte, dass sich ab da nicht ein ganz
leichter, leiser Riss einschlich, weil ich vorsichtiger wurde, um ja nicht
von diesem Bild abzuweichen, das er in sich trug. Allein dadurch, dass ich
die Möglichkeit in Betracht zog, die Sache könne auch vollkommen schief
gehen, wurde der Beziehung etwas Unbeschwertheit genommen.
Fortsetzung folgt ...
(Autor: IGiveInToSin)

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