AUF DER JAGD
TEIL 1

Jeder kennt das. Man hat sein Päckchen zu tragen. Jeder hat
schwarze Stellen in seiner Vergangenheit, die sich immer wieder und mal
mehr oder weniger in die Gegenwart schleichen. Ängste, die einen
blockieren und eine Fassade aufsetzen lassen, um sich bloß nichts
anmerken zu lassen. Wer will in unserer Gesellschaft schon einen
Trauerkloß haben? NIEMAND.
Man soll witzig, charmant und aufgeschlossen sein. Eine Rolle, die jeder
gern einnimmt, um angenommen, akzeptiert zu werden. Sonst ist man ein
gesellschaftlicher Außenseiter.
Manchmal stinkt mir diese Fassade. Besonders als Frau. Sei ein Püppchen,
das sich als Fetischobjekt präsentiert. Und dann liegen sie dir
alle zu Füßen.
Oder nein! Noch besser. Sei ein prüdes kleines Etwas, das man erobern
kann. Sonst wirst du als dreckige Schlampe abgestempelt. Und das nur,
weil man seinen Körper liebt und ihn gern mit anderen teilt. So ein
Körpergefühl wünsche ich jeder Frau. Aber man muss mit den Konsequenzen
leben können. Die Gesellschaft ist noch nicht so weit, zu sagen, dass
es okay ist, sich als Frau auszuleben. So wie es einem gerade passt.
Wenn man sich anlehnen möchte, dann soll man das tun. Wenn man jemanden
verwöhnen will, dann soll man das tun. Wenn man sich aufhübschen und auf
Männerjagd gehen will, dann soll man das tun. Ist das so schwer?
Scheint so ...
Es interessiert niemanden, ob es dich anwidert, dich verstellen zu müssen. Und wenn es mal aus dir herausbricht, fühlt man sich, als hätte man nach einem Trinkgelage gekotzt. Emotional ausgekotzt. Nur wenige Menschen können es dann ertragen, dein persönlicher emotionaler Mülleimer zu sein. Vielleicht bis zu einem gewissen Punkt, aber wenn man sich ausgeheult hat, ist dieses Thema gegessen und man verlangt wieder nach deiner Fassade.
Manchmal würde ich mich einfach die ganze Zeit sinnlos betrinken. Vergessen.
Nichts ist mehr peinlich. Auch, wenn man sich wildfremden Menschen an den
Hals wirft, auf Theken tanzt und sich dabei auszieht. Ist doch egal, dass
man sich besonders in solchen Momenten mehr zum Affen macht als sich in
einem rechten Licht darzustellen. Man hat sogar etwas zum Prahlen, zum sich
profilieren.
"Hey, weißt du noch, wie besoffen wir an diesem Abend waren? War witzig."
Nein, eigentlich nicht. Man hat sich zu Hause die Seele aus dem Leib gekotzt.
Aber immerhin ist das besser, als über sich selbst nachdenken zu müssen.
Eine Sache, die in unserer Leistungsgesellschaft akzeptiert ist. Man muss
funktionieren und wenn man sich mal austobt, wird es mit einem Schmunzeln
abgetan. Als Jugendsünde oder als kleiner Ausbruch. Mehr nicht.
Man will den Hilfeschrei nicht sehen. Schade um diese Ignoranz. Schade darum,
dass man in unserer Gesellschaft eher darauf achtet, wie viel man verdient
und was für einen sozialen Status man genießt, als zu schauen, was für einen
Menschen man vor sich hat.
Kein Wunder, dass die Seele verkümmert. Kein Wunder, dass wir alle verkümmern,
auf keine Werte mehr achten, über Leichen gehen.

© Coniaric - "Frauensilhouette"
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Das Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank
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Gestern Abend.
Ein eher beschaulicher Abend mit "meinen" Mädels. Müdigkeit macht sich breit
und eigentlich wollen wir bald gehen, aber ich will ihnen ein kleines
Geschenk machen. Ich hole vier Männer an unseren Tisch und initiiere an
nettes, leicht oberflächliches und typisch schlüpfriges Gespräch zwischen
Männern und Frauen.
Der Alkohol fließt auf Kosten der Männer. Eine meiner Freundinnen hängt im
Arm von einem der Männer, während ich ein Spielchen mit dem neben mir angehe.
Nur, um zu sehen, wie weit ich gehen kann. Großer Fehler ...
Er beherrscht die Waffen des Flirtens nicht schlechter als ich. Nein, er ist
eigentlich ein Loser, der aber hervorragend Kopieren kann. Dieses schamlose
Spiegeln meiner Taktik macht mich nervös ...
Ich hasse es, wenn man mir in die Karten schaut, aber ich kann nicht anders
als mich immer weiter in diesen Sog ziehen zu lassen. Bis zur Lächerlichkeit,
bis wir beide an unseren bebebbenden Lippen knabbern, mit Feuerzeugen
spielen oder mit den Füßen wippen. Ich hasse ihn! Besonders hasse ich mich!
Hätte ich gewonnen und ihn als Trophäe mit nach Hause genommen, hätte ich
mein nettes, oberflächliches Ziel erreicht, und wäre für einen kleinen,
wunderschönen Moment glücklich geworden.
Aber nicht einmal das wird mir gegönnt.
Sich absichtlich öffnen. Die charmante Jägerin sein, die ihre Beute langsam
aber sicher um den Finger wickelt, um lediglich vergessen zu können, wie
verletzt man im Inneren eigentlich ist. Wie neidisch man auf die Freundin ist,
die einen Mann gefunden hat, der ihr einfach den Arm um die Schultern
gelegt hat. Einfach so. Um ein bisschen Nähe in dieser kalten Welt zu
spenden. Der Krieg macht mich müde, zermürbt mich.
Doch mit meinem gestrigen Auftreten habe ich mein Bild der "Wilden" bestätigt,
der es nichts ausmacht, wildfremde Männer anzuquatschen und ihnen auf der
Tasche zu liegen, auf Tischen zu tanzen, offensiv zu flirten und Obszönitäten
kund zu tun.
Oder nein, ich liebe es die femme fatale zu sein. Ich liebe es, mich zu
präsentieren. Ich kann jedoch nicht mit den Konsequenzen umgehen. Den Stempel,
den ich mir mit jeder diese Aktionen selbst aufdrücke. Doch es ist meine Natur.
Und ich liebe sie.
Wie kann man etwas verurteilen, was man eigentlich liebt? Was ein Teil
seiner Selbst ist?
Der Glaubenssatz, ich bräuchte nur mich, um glücklich zu sein, umweht
meinen Geist. Ich bin gern für mich allein. Ich bin mir selbst genug.
Manchmal ... manchmal tut es jedoch im Inneren weh, dass man dieses Gefühl
nicht teilen kann. Man schreit zwar in die Welt hinaus, man bräuchte
niemanden, würde es als Last empfinden, aber tief in einem drin, will man
einfach in den Arm genommen werden. Ohne jeglichen Hintergedanken. Es ist
falsch anzunehmen, nur so könne man sich komplett fühlen, denn ich bin
schon Eins. Aber Eins und Eins miteinander zu verbinden, kann ein erhabenes
Gefühl sein.
Fortsetzung folgt ...
(Autor: SilverSkin)

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