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AUF DER JAGD

TEIL 2

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Zu oft bauen Menschen ihr Selbstbewusstsein, ihr ganzes Ich auf einem kleinen Steinchen, das aus der Sicht und Meinung der anderen besteht. Ganze Schlösser werden darauf errichtet, die jedoch bei dem leisesten Windhauch in sich zusammenbrechen.
Große Worte für ein Mädchen, das sich nicht öffnen mag.
Der große Unterschied ist: ich arbeite daran, aus dem Steinchen ein massives Zementfundament zu erstellen.

Ich arbeite daran und tue das, was mir Spaß macht.
Zum Beispiel sich mit Themen beschäftigen, die eigentlich für Männer gedacht sind. Und auch da lässt mein Jagdtrieb nicht nach.
Auf der Jagd, ich bin immer auf der Jagd. Typen werden unterteilt in "fickbar" und "nicht fickbar". Ganz einfach und knallhart. Wenn ich mir nicht vorstellen kann, mit diesem Mann ins Bett zu gehen, brauche ich nicht einmal ein Gespräch anzufangen.
Aber machen wir uns nichts vor. Bei den Männern ist es dasselbe. Sie schauen noch sehr viel mehr auf unser Aussehen. Weshalb machen wir uns stundenlang schön? Kriegen einen Anfall vor dem Kleiderschrank, weil wir nichts zum Anziehen haben? Ich nehme mal nicht an, weil wir uns selbst etwas Gutes tun wollen. Wir wollen die anderen Konkurrentinnen mit mehr Einfallsreichtum, Schönheit, Eleganz übertrumpfen.

Ich mache es mir wesentlich einfacher und trete einfach nicht in die Konkurrenz, indem ich mir Umgebungen suche, in der es nur von Männern wimmelt.
Natürlich streiche ich meine Vorzüge gewählt heraus und begebe mich ins Haifischbecken. Relativ gesehen wird sich immer jemand finden, der nicht durch mein feinmaschiges Raster fällt.

So auch an diesem stürmischen Sonntag. Eine andere Stadt, eine neue Umgebung, unterschiedliche Eindrücke, die ich auf mich wirken lasse.
Ich liebe es, mich in neue Welten zu stürzen. Dieses aufregende Kribbeln im Bauch, das mich immer ein bisschen an ein Kotzgefühl erinnert. Wenn das da ist, dann weiß ich, ich bin auf dem richtigen Weg. Ich taue langsam auf.

Eine zarte Duftwolke umwehte mich beim Eintreten der Seminarleiter. Meine Sensoren liefen Amok und ich musterte die drei ausgiebig, versuche auszumachen, woher dieser verführerische Geruch kommt. Chanel Égoiste ... Ich hatte es sofort erkannt, obwohl ich mir später dann doch nicht mehr so sicher war.
Egal, die anderen Teilnehmer hatten zuerst Vorrang. Gibt es was zum Angraben? Die Auswahl fiel sehr bescheiden aus, wenn ich es mal so ausdrücken darf. Ich war eigentlich schon darauf vorbereitet, es auf einer intellektuellen Schiene zu belassen, als ich feststellte, was für strahlend eisblaue Augen einer der Seminarleiter hatte. Alarmglocken in meinem Kopf fingen an, mich wahnsinnig zu machen.
Kein Wunder, er ist geübt in Manipulation und durchschaut Menschen ziemlich schnell. Seine Argumentation ist unschlagbar. Furchtbar für jemanden, der all seine kleinen, schmutzigen Geheimnisse in seinem Inneren behalten möchte.

Doch die Anziehung war da. Heftige Anziehung. Sehr heftige Anziehung. Ich war verwirrt. Heftig verwirrt. Sehr heftig verwirrt. Schlechtes Zeichen.
Nein ... ein gutes Zeichen. Ein sehr gutes sogar.



Auf der Jagd

© Coniaric - "Frauensilhouette"
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Das Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de



In den Pausen schlichen wir umeinander herum. Beschnupperten uns. Es war offensichtlich, dass da etwas war. Blickkontakt aus den Augenwinkeln ... ein kurzes Lächeln ... ich wurde immer wieder nach vorne gebeten, um etwas an mir zeigen zu können ... Körperkontakt ... Gänsehaut ...
Wenn die anderen nicht bis aufs Gehirn blind waren, hatten sie es schon längst bemerkt. Egal ...

Es war magisch. Somit war ich auch begeistert von der Idee, noch etwas trinken gehen, um das Seminar ausklingen zu lassen.
Strategisch wählte ich einen Platz, sodass wir beide etwas isoliert von der Gruppe saßen. Eine Hand legte sich um meine Seite ... Worte umhüllten mich ... lullten mich ein ... ich hing an seinen Lippen ...

Ich verschüttete etwas Martini auf seine Hose, doch ihn schien es nicht zu stören.
Immer wieder wich ich seinem Blick aus. Diesen eisblauen Augen, die voller Leben sind.

Am Ende landeten wir in seinem Wagen. Es war dunkel und Regen prasselte auf das verglaste Schiebedach. Wie in einem Film, dachte ich mir und sagte es ihm auch. Doch er erwiderte nichts darauf, sondern küsste mich einfach weiter. Fordernd und zart, mit seinen Händen, die mein Gesicht umfassten, über meine Wangen streichelten, so, als wäre ich aus Porzellan. Eine Wohltat nach all den Grobianen, die mir blaue Flecken als Andenken hinterlassen hatten.

Der Motor lief, verpesteten die Luft mit Abgasen, aber das war uninteressant. Erst durch einen Polizeiwagen wurden wir aufgeschreckt und zum Weiterfahren animiert. Durch die beleuchtete Großstadt, die um diese Uhrzeit fest schlummerte.
Das Abgeschlossene im Wagen, die Dunkelheit, die lediglich durch das sanfte Licht der Armaturen erhellt wurde, lud zum Nachdenken ein ... Oberflächlichkeit wechselte sich mit Tiefgründigem ab. Somit wechselte das Thema zu unserer Vergangenheit. Unseren Familien. Es war erschreckend, wie ähnlich Lebensgeschichten sein können. In unserer heutigen Zeit ist es jedoch keine Seltenheit mehr, ein Scheidungskind zu sein oder einen seiner Elternteile nicht wirklich zu kennen, nicht zu wissen, wo er sich aufhält, ob er einen wirklich liebt.

Ich muss zugeben, dass ich immer noch darunter leide, nicht von meinem Vater beantwortet worden zu sein. Dieses Gefühl, ihm egal gewesen zu sein, lässt mich immer wieder in eine tiefe Traurigkeit versinken.
Doch als mein Begleiter neben mir meinte, dass mein Vater trotzdem Liebe für mich empfunden haben muss, und es auch heute tue, musste ich hart schlucken. Ich kenne sonst dieses betroffene Nicken der anderen, die meinen, Vater wäre ein Arschloch gewesen, an den ich keinen Gedanken mehr verschenken soll.
Es arbeitet in mir. Die neue Erkenntnis frisst sich durch jede Faser meines Körpers. Abgelenkt durch weitere Zärtlichkeiten, die sich mit Leidenschaftlichkeit abwechselten.

Es wurde hell draußen ... Er brachte mich nach Hause.
Kurzes Schweigen, als wir mein Wohnhaus erreichten. Mir fiel es schwer, abschließende Worte zu finden.
"Du ziehst mich irgendwie an. Ich kann es nicht erklären. Aber es ist so", waren seine letzten Worte an mich, in diesem hinreißenden New Yorker Akzent in seinem Deutsch.
Worte, die mich tiefer trafen, als ich dachte.
Sie waren ehrlich.



(Autor: SilverSkin)



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