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LA REINE DU CANAL

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Wer sich für einen Hausboot-Urlaub entscheidet, entgeht ganz bewusst dem lautbunten Treiben von Malle & Co. Wer auf dem Canal de Nivernais mit 8 km/h entlangschippert, verzichtet auch auf abendlich angestrahlte Kathedralen und straßenmusikalisch vibrierende Kopfsteinpflaster. Stattdessen erhascht der aufmerksame Reisende die melancholisch leisen Zwischentöne eines Lebens jenseits aller Sanduhren im Herzen der Provinz. Wie in Chatillon. Wo der Treidelpfad von Buchsbaumhecken gesäumt ist, aus denen ein englischer Garten wächst.

Mit einer steilen Brücke, unter der sich der Kanal mit einem trägen Wildbach küsst, graues Wasser in grüne Wellen kippt und milchige Strudel bildet, in denen apathische Gänse unsicher paddeln. Geschäfte und Geschäftigkeit haben die Hauptstraße lange verlassen. Mit offenen Türen und hängenden Fensterläden gähnen ein leeres Hotel und ein verlassener Schreibwarenladen in den nebligen Abend. Auch das Schloss auf dem Hügel ist schon verriegelt. "Nächsten September wieder", brummt der abreisende Kastellan und packt den letzten Koffer in den Wagen. Asche liegt über der Stadt, als Kruste auf den Fassaden und als feuchter Dampf in den niedrigen Wolken.

Nur ein einziges großes Fenster gießt goldenes Licht in die Dunkelheit, aus der offenen Tür dringen gesellige Laute, das Tingting von Gläsern, ein heiseres Lachen, der Fetzen einer Melodie. Auf dem Bürgersteig stehen drei Männer mit glimmenden Zigaretten. Wir haben Hunger nach Menschen und Durst auf Wein.

"Sie können auf Französisch bestellen oder auf Spanisch, aber auch auf Italienisch." Wir versuchen es nacheinander mit allen drei Sprachen, und die Bedienung bringt trotzdem alles durcheinander, auf ihrem Block und auf den Tellern. Mit einem großen bezauberndem Lächeln und leisem Kreolenklimpern serviert sie uns halb rohes Omelett zu blutendem Fleisch, den zweiten Gang vor dem ersten, dafür diesen halb verkohlt.

Aber das macht nichts. Denn wir können es ihr nicht übel nehmen, so atemberaubend steht sie da an unserem Tisch. Kerzengrade, in makellos weißer Designerjeans und Schuhen, an deren Nähten man die Geschicklichkeit der Hände erkennt, die sie gemacht haben.
Von draußen kommen Männer herein, Gestalten, wie eben von Bord der Bounty gegangen, oder der African Queen. Salzkrusten unter olivgrünen Ärmeln, im Blick jeder schon vier Pastis, mindestens. Lümmeln sich an den abgescheuerten Tresen und blinzeln träge in die neonblauen Lampen über der Bar. Sie greift nach Gläsern, füllt Eis in den Shaker und argumentiert unablässig in lautlosen Diskussionen. Lippenbekenntnisse weit jenseits des kleinen Ortes am Canal du Nivernais.



La Reine du Canal

© Niklas Dietz - "Bridge to Nowhere"
Some rights reserved.
Das Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de



Wie ein Wichtel fegt der Koch herein, strahlt in die Runde des halbvollen halbleeren Lokals. Schaut uns an, sieht uns in flüssigem Ei und kalter Kohle stochern, fängt den Vorwurf in meinem Blick auf und schiebt ihn ihr zu, scherzhaft schimpfend: "du hast wieder alles durcheinander gebracht!"
Statt einer Antwort schreitet sie zu uns herüber, wie auf einem Laufsteg aus stumpfem Linoleum. Lacht nur. Mich an. "Was machen Sie hier?" werfe ich ihr entgegen. Keine Frage, meine Feststellung.

In einer einzigen fließenden Bewegung setzt sie sich auf den freien Stuhl, die manikürten Nägel klicken aneinander, Glühlampenlicht bricht sich in ihrer Uhr. "Alle sagen, dass ich ein Bruch bin in der Atmosphäre dieser Kneipe. Ein wohltuender." Wieder das Lachen. Kehlig, warm.
"Seit wann sind Sie hier?"
"Seit vier Wochen." Davor hat sie ein Vertriebsnetz von Panamahüten aufgebaut, in Marrakesch. Und dann? Kam der Hilferuf von ihrem Freund hier, Paul. Ein Künstler. Ein Sänger, genauer gesagt. Sie war seine Agentin, früher. Vor einem Monat hat Paul das Lokal gekauft, will sich sesshaft machen. Wurzeln schlagen.

"Natürlich muss hier noch viel gemacht werden." Ihre vage Geste umfasst ein gebrauchtes Leben aus zweiter, vielleicht dritter Hand. Das abgeblätterte Türkis der Wände. Die Juke-Box aus den glorreichen Teenagertagen des Pop und Rock samt Iron Maiden, Abba und Johnny Halliday. Den Billardtisch im Nebenraum, daran gelehnt die aufgetürmten Kartonagen. Der schale Geruch nach Urin und Zigaretten tropft von den rissigen Decken wie eine abgetakelte Elegie.

Einzig die Bar spiegelt in Neonfarben Pauls Willen zur Erneuerung, wenn schon nicht seinen Tatendrang. Und das Angebot an Cocktails auf dem Fensterglas. Und die Karte, handgekreidete Gerichte, selbst gekocht vom Chef. Leider spricht Paul nur Französisch. Seine Kunden jedoch, Gäste und Touristen auf der Fahrt entlang dem Canal de Nivernais, sind Engländer, Holländer, Deutsche.

"Jetzt bin hier, um ihm zu helfen", lächelt sie. Jetzt. Und dann? "Ich weiß nicht. Zurück nach Marrakesch. Sonne tanken. Oder vielleicht nach Dubai. Die warten ebenfalls auf Panama. Hüte." Sie lacht. "Ist doch egal, Kanal ist Kanal."
Sie steht auf, schreitet zurück an die Bar. Auf halbem Weg dreht sie sich um. Zwinkert mir zu und flüstert mir verschwörerisch entgegen: "Ist das dein Kind da, der Blonde?" Und als ich nicke: "Der hat so wunderschöne Augen. Das wird mal ein richtiger Frauenheld."
Sie kennt sich aus. War sicher selbst einmal umschwärmt, wie es wohl hieß, zu ihrer Zeit. Wie alt sie ist, hab ich sie nicht gefragt, obschon sie mir die Worte in den Mund gelegt hat. Nein.

Und ich widerstehe auch der Versuchung, noch mal hinzugehen, in die Bar, am nächsten Tag. Lieber verbringe ich die Zeit, bis der verträumt nach Eau de Javel und Butangas riechende Maximarché die Einkaufstore öffnet, beinebaumelnd am Kanal. Ich will nicht sehen, ob sie heute wieder hinterm Tresen steht, die Augen klein vom Alkohol der letzten Nacht, die weiße Hose angeschmutzt, Marrakesch und Dubai abgedriftet hinter der Biegung eines verblassenden Gestern. Nochmal Nein.

Ich will sie so wie auf dem Foto, das ich von ihr gemacht habe, beim Abschied, an der Tür. Adieu, hab ich ihr gesagt und sie nicht in den Arm genommen, um sie einmal, nur ein einziges Mal flüchtig zu riechen. Vielleicht hätte ich es dann gewusst. Lebenslüge oder Urlaubsspaß. Chanel no 5 - was sonst?- oder Absinth und Schimmel. Nun ist sie so, wie ich sie mir male. A la prochaine, ma Dame de Chatillon.



(Autor: Semidea)



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