EIN MÄDCHEN LERNT, LOSZULASSEN ... (NA JA, NICHT SO GANZ)
TEIL 1

Ein arbeitsreicher Abend geht zu Ende. Was kann man nach zwei Uhr morgens noch großartig tun, außer, ins Bett zu gehen? Nichts ... Oder? Vielleicht noch einen Blick in den klassischen Chat werfen, um zu schauen, ob sich dort nach all den Jahren dieselben Gestalten aufhalten.
Erschreckend ... Das Bla bla ist über die Jahre hinweg noch schlimmer
geworden. "Suche willige, spermageile Drei-Loch-Stute." - "Zeige mich vor
der Cam 'harterschwanz@hotmail.de'" - "Suche ein Rsp"
(für alle Menschen, die hinter dem Mond leben oder vehement leugnen
und verdrängen, noch nie einen Chat betreten zu haben, sollte ich anmerken,
dass dies die Abkürzung für Rollenspiel ist - Eine in letzter Zeit sehr in
Mode gekommene Spielart, bei der ein Mann manchmal eine Frau spielt oder
sich vorstellt, seine Schwester zu vergewaltigen etc.)
- "Welche dom (dominante) sie erzieht mich zu einem Sklaven?" -
"Möchte gern als menschliche Toilette benutzt werden."
(Selbstredend habe ich die Groß- und Kleinschreibung beachtet und
noch andere Regeln, die die deutsche Sprache einigermaßen verständlich
machen, die in der Welt des Internets jedoch außer Kraft gesetzt wurden.
Ist es Faulheit, Dinge auszuschreiben, oder wissen sie es nicht besser?)
Zwischen all diesen seltsamen Gestalten, die ihre Liebesdienste feil
bieten, die manchmal auch zeigefreudig so viel Haut präsentieren, ohne,
dass sie den Zorn des allmächtigen Admins und seiner Moderatoren auf sich
ziehen, tummeln sich auch gelangweilte Nachteulen, die ebenfalls versuchen,
müde genug zu werden, um ins Bett gehen zu können.
Erstes Merkmal dieser seltenen Spezies ist, dass sie tatsächlich in
ganzen Sätzen schreiben und der deutschen Sprache mächtig sind. Kein
Wunder, dass ein Mann dort meine Neugier entflammte, als er mich mit einer
charmanten Frage anschrieb und wissen wollte, ob ich nicht einen Test
machen wolle.
So ein Ansprechen ist um einiges kreativer, als ein plumpes "Hi, wie geht's?"
- "Wie alt bist du?" - "w oder m?". In der realen Welt funktioniert
so ein Anmachspruch auch nicht. Warum versucht ihr es dann in der
virtuellen? Dort herrschen zwar ein paar andere Regeln, doch Kreativität
ist im Internet nicht außer Kraft gesetzt! Und das gilt nicht nur für
die Herren der Schöpfung. Viele Frauen sind nicht einfallsreicher.

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Zurück zu dem seltenen Exemplar und dem Test. Meiner Erinnerung nach
zufolge (manchmal spielt sie sogar mir einen Streich) waren es vier Fragen:
1. Stell dir vor, du gehst spazieren und kommst an einem Erdbeerfeld vorbei.
Das Feld wird von einem Zaun vom Weg getrennt. Wie hoch ist der Zaun in
deiner Vorstellung?
2. Du befindest dich dann also auf dem Feld voller frischer Erdbeeren.
Wie viele isst du?
3. Auf einmal erblickst du den wütenden Bauer, dem diese Felder gehören.
Was tust du?
4. Du kommst zu Hause an, legst dich auf dein Bett und lässt in Ruhe
das Erlebnis Revue passieren. Was denkst du darüber?
Meine Antworten lauteten:
1. Der Zaun ist in meiner Vorstellung so hoch, dass ich ihn ohne
große Anstrengung überwinden kann.
2. Ich esse so viele Erdbeeren, bis ich nicht mehr kann.
3. Mit einem schelmischen Grinsen entziehe ich mich dem Geschimpfe des
Bauern und mache mich aus dem Staub, laufe so schnell ich kann nach Hause.
4. Zufrieden sage ich mir, dass es gut war und ich immer wieder zum
Feld zurückkehren würde, um noch mehr Erdbeeren zu stehlen.
Ich kann die perplexen Ausrufe schon hören. "Was ist das denn für ein
Freak?" - "Und was soll das jetzt?" - "Verstehe ich nicht."
Meine Befremdung hielt sich jedoch in Grenzen, denn meiner Neugier waren ab
jetzt keine Grenzen mehr gesetzt.
Besonders, als mir die Lösung dieser kleinen Umfrage offenbart wurde.
1. Der Zaun signalisiert meine Selbstkontrolle. Je höher der Zaun, desto
besser kann man sich selbst kontrollieren.
2. Die Anzahl der Erdbeeren signalisieren meine Gier. Je weniger man
von ihnen isst, desto bescheidener ist man.
3. Der Bauer ist ein Symbol für mein Gewissen. Stelle ich mich den
Vorwürfen oder nicht?
4. Der Rückblick zeigt, dass ich immer wieder kommen werde, um meine
Bedürfnisse zu stillen.
Also bin ich ein unkontrolliertes, unersättliches, gewissenloses Luder,
das trotz allem immer wieder kommen wird, um es sich noch einmal zu holen.
Okay, ich war – ehrlich gesagt – ein bisschen baff, was ich mir jedoch
nicht anmerken ließ. Ich mime immer die Gefasste, zumal ich mich in dieser
Parallelwelt immer als der Top, die Dominante präsentierte, und da kommt
so ein Chatter daher, der mein Bildnis zu zerstören droht.
Das ist nur der Anfang ...
Fortsetzung folgt ...
(Autor: SilverSkin)

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