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MASKENBALL

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"Du kennst unsere Gesichter nicht. Du weißt nicht, wo wir wohnen und woher wir kommen. Du weißt nicht, wann wir zuschlagen. Du weißt nichts über uns, aber wir alles über dich. Wohin du gehst, was du grade machst. Wir wissen, wie du aussiehst. Wir wissen, wo du wohnst, wer deine Freunde sind."

So ist der Spruch einer Gang in dieser Gegend. Maskiert hängen sie in Hauseingängen rum und warten auf ihre Opfer. Manchmal erschrecken sie sie nur. Wie kleine Kinder, die plötzlich hinter einem Busch vorspringen und Buh schreien. Und sich freuen, wenn der Erwachsene zusammenzuckt. Manchmal schlagen sie auch zu. Einfach so. Oder sie nehmen Jacken oder Handys weg. Und natürlich Geld. Schutzgeld, wie sie sagen. Damit den Freunden und der Familie nichts passiert. Weil sie ja alles über dich wissen. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Man weiß ja nicht, wer hinter den Masken steckt. Vielleicht sind es Nachbarn. Bestimmt sind es Nachbarn. Wer sonst würde in so einer Gegend rumschleichen und Leute beobachten?

Hier sieht ein Haus aus wie das andere. Hochhäuser. Dreckig, alt, runtergekommen. Hier hat schon lange niemand mehr was gemacht. Randgebiet eben. Sozialer Brennpunkt. Vollgestopft mit Leuten, die keiner haben will. Oder die selbst Schuld sind, dass sie hier gelandet sind. Freiwillig ist aber keiner hier. Wer will schon hier wohnen. Wohnen. Kann man das wohnen nennen? Leben schon gar nicht. Vegetieren. Also kommt auch kein anderer her. Keine normalen Leute. Normal? So Leute eben, die in besseren Gegenden wohnen. Die glauben oft, so Gegende wie diese gibt es gar nicht. Also können die Masken nur Nachbarn sein. Vielleicht sogar Bekannte. Freunde. Leute, mit denen man zur Schule geht. Leute, zu den man Vertrauen haben sollte.

Die Masken geben ihnen Schutz. Weiß ja keiner, wie sie aussehen. Wer sie sind. So kann keiner zur Polizei gehen und sagen, dass sind die und die. Und die wohnen da und da. Und sie haben das und das gemacht. Hier geht sowieso keiner gerne zur Polizei. Die nehmen ein nicht ernst, wenn sie wissen, wo man herkommt. Und dann kommt man den noch mit Masken. Also geht keiner zur Polizei. Ist sinnlos. Und die Masken treiben weiter ihr Unwesen. Weil sie Masken haben. Masken sind. Und weil die Angst sie deckt.

Wer nicht muss, geht nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr raus. Manchmal sind die Masken aber auch tagsüber unterwegs. Sie haben ja Masken. Sie sind Masken. Nicht mal von der Kleidung unterscheidet man sie. Wie Uniformen. Alle gleich. Anonym. Nie alleine. Immer in einer Gruppe, in der sie noch anonymer sind. Die Gegend ist auch anonym. Wenn sich Häuser nur durch Nummern unterscheiden, sind sie anonym. Wenn sich Masken nur durch Größe unterscheiden, sind sie anonym. Der eine war klein und dick, der andere groß und dünn.

Du kannst es nur falsch machen. Wenn du dich in der Schule anstrengst, damit du mal einen Job hast später, ist es falsch. Du bist dann ein Streber. Und sie schlagen dich, weil du ein Streber bist. Wenn so wie sie rumhängst, schlagen sie dich, weil du ein Penner bist. Wenn du dich nicht wehrst, schlagen sie dich, weil du ein Weichei bist. Wenn du dich wehrst, schlagen sie dich, weil du dich wehrst. Wenn du ein Mädchen bist, schlagen sie dich, weil du eine Schlampe bist. Man kann nur schlauer sein als sie und sie nicht treffen. Oder schneller sein. Oder eine Waffe haben und zum Mörder werden und im Knast den nächsten Masken begegnen.

Gestern habe ich einem die Maske runtergerissen. Es war der Sohn von dem Kioskbesitzter, der mir früher immer ein Bonbon geschenkt hat. Jetzt ist er nicht mehr anonym.



(Autor: Caro4our)
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Maskenball

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Beitrag 2

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Schultag. Das Mädchen ging in die Klasse und setzte sich auf ihren Platz in der ersten Reihe. Langsam strömten die Schüler in den Klassenraum und gruppierten sich. Das Mädchen blieb stumm an ihrem Platz sitzen. Es nahm ihre Bücher hervor und legte sie auf die richtige Stelle. Es durchforstete ihren Terminkalender. Heute musste sie noch Vokabeln lernen.

Sie sah auf. Noch einige Minuten bis zum Stundenbeginn, die meisten Schüler waren schon da. Alle gingen zu den ihnen vorgesehenen Plätzen. In der letzten Reihe hatte sich eine Mädchengruppe versammelt. Eine ihrer Freundinnen kam dazu und wurde augenblicklich stürmisch begrüßt. Küsschen hier, Küsschen da. Man fragte wie es ihr ging und was sie übers Wochenende gemacht habe. Es wurde gelacht, erzählt, gerufen, geschnattert. Wie die Gänse.

Das Mädchen ließ ihren Blick schweifen. Eine weitere Mädchengruppe, etwas abseits. Sie saßen still da und redeten leiser. Sie hatten sich nicht viel zu erzählen; immer wieder kreiste das Gespräch um dieselben Themen. Meistens die Schule. Oder Bücher.

Ein Raunen ging durch die Klasse. Der Star der Klasse betrat den Raum. Seinen Rucksack warf er lässig unter den Tisch und gesellte sich zu seinen Kumpels. Es folgte eine Hand-Schlaggeste. Sie plusterten sich auf, kontrollierten ihr Revier, machten klar, wer hier das Alphatier war. Sie tigerten durch die Klasse, alle immer dem Einen folgend. Der Star überblickte den Raum, als wäre dies sein Reich. Das Mädchen in der ersten Reihe sah er nicht an. Ein kleiner Wurm am Rande seines Blickfeldes. Er interessierte sich für die Mädchengruppe ganz hinten. Er stieß seine Kumpels an, verkündete, wie er die Blonde gestern rumgekriegt hatte. Sie mussten sich alle übertreffen. Die Wahrheit war nebensächlich, Hauptsache man blieb der Beste, denn den Platz des Alphas wollte man nicht verlieren. Als Alpha musste man sich keine Sorgen um die Schule machen, es gab keine Probleme. Man war der King und alle liebten einen.

Die Mädchengruppe hinten lachte laut. Eine hatte einen Witz gemacht, jede musste lachten. Nun zückten sie auch ihre Handys und tippten darauf herum. Sie schickten Nachrichten an die Schüler im Raum nebenan. Die Mitteilungen hatten keinen Sinn, sie wurden einfach geschickt, um geschickt zu werden. Man zeigte Fotos vom Wochenende und vom letzten Urlaub. Alle zeigten sie selbst. Man war in Athen bei der Akropolis gewesen, in Rom beim Kolosseum. Man war auf den Steinen gegangen, die Jesus blutende Füße Jahrtausende zuvor gezeichnet hatten. Was zeigten die Fotos? Sie selbst mit einem Eis in der Hand.

Eine neue Gruppe bildete sich heraus. Es waren Jungs und Mädchen gleichermaßen, sie hielten sich abseits. Sie hatten keinen Grund die anderen zu mögen, sie wollten nur anders sein. Sie waren anders gekleidet, benahmen sich anders, hatten anders Hobbys. Alles, nur um anders zu sein. Sie wollten sich von der Gruppe abheben, nicht in der Masse untergehen. Sie wurden wie die anderen in eine Schublade gesteckt. Die, die sich zu gut für die anderen waren.

Es herrschte ein Krieg zwischen den Gruppen. Kein offener. Es war ein heuchlerischer, verlogener Krieg. Die Kinder standen den Erwachsenen in diesem Punkt in nichts nach. Sie verabscheuten und mieden sich. Wann immer es möglich war, wurde jemand anders fertig gemacht, bloßgestellt. Wenn es darauf ankam, wenn man beobachtet wurde, zeigte man ein Lächeln und hielt einem die offene Hand hin. Doch in der dunklen Kammer zeigten sie ihr wahres Gesicht. Dann legten sie ihre Masken ab und offenbarten ihre häßlichen Fratzen. Ihr grausames Selbstbildnis, ihr Innerstes. Stehende wurden nieder gemacht, am Boden liegende wurden getreten.
Warum? Das weiß man nicht. Man tat es einfach, man hatte ja nie etwas Anderes erfahren. So ging es Tag um Tag, Jahrgang um Jahrgang. Ja, nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir.



(Autor: Cornelia Wagner)
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