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PFLEGE MIT HINDERNISSEN

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Wenn man ein Krankenhaus betritt, sieht man weiße Schwärme, die sich von A nach B bewegen, immer nett und freundlich sind, die niemals ein Lächeln vergessen und auch noch im größten Stress die Übersicht behalten. Diese weißen Schwärme nennt man umgangssprachlich auch Krankenschwestern, Moment ... seit 5 Jahren Gesundheits- und Krankenpflegerinnen. Sie sind überall.

Und wenn wir ehrlich sind, würde ein Krankenhaus zusammenbrechen, ja hemmungslos vor die Hunde gehen, wenn diese emsigen weißen Schwärme nicht zugegen wären. Aber, was tun sie eigentlich?
Alles.
Wirklich alles?
Ja, alles!

Eine Krankenschwester ist die erste früh am Morgen im Krankenhaus, müde, zu allem bereit, sie freut sich auf den Dienst, sie ist innovativ und hoch motiviert. So setzt man es voraus.
Wir sind die Sandwiches der Nation. Oder besser gesagt: Wir sind die Wurst im Sandwich. Okay ... klingt ein bisschen seltsam, ist aber wahr. Oben drauf eine Scheibe Brot - die Leitung des Krankenhauses. Unten drunter eine Scheibe Brot - die Ärzte und andere Bereiche. Und gegen die kämpfen wir tagtäglich.

Die Patienten machen es uns auch nicht gerade leichter. Aber um die geht es nun mal, denn für diese Patienten geben wir alles, egal wer, wie oder was sie sind.
Da gibt es den freundlichen Patienten. Gut führbar und umgänglich, nörgelt nicht und macht jeden Spaß mit.
Der griesgrämige Patient. Er kommt schon mit dem Gesicht zur Faust geballt und nörgelt erstmal herum: "Die Zimmer sind zu klein, hier fehlt eine Dusche und der Nachbar da, der schnarcht!" Im Normalfall wickeln wir diesen gerne ein und es gelingt uns natürlich, ihn umzuwandeln in den freundlichen Patienten.
Der alte und ziemlich verwirrte Patient, mittlerweile das Hauptklientel im Krankenhaus. Schlimme Sache, denn niemand dringt wirklich zu ihnen durch. Sie erinnern an Kleinkinder, aber auch an Junkies auf einem Trip. Alle Facetten zeigen sie auf und unsereins ist bemüht, sich dem anzupassen. Wir flitzen ihnen hinterher, fangen sie ein, beruhigen sie, spielen mit ihnen Mensch ärgere Dich nicht, wickeln und wiegen sie.

Möchte ein Patient sterben, dann sind wir da, um ihn zu begleiten. Auch wenn die Zeit nicht immer da ist, den Zeitpunkt passen wir erstaunlicherweise jedes Mal gut ab. Wir sind genau in diesem Moment bei ihm und halten die Hand. Weh tut es immer noch, auch wenn man es schon so viele Jahre tagein tagaus macht. Jede Schwester leidet mit diesen Wesen, die oftmals zu lange brauchen, um von uns zu gehen.
Nachhelfen darf man ja nicht, wieso eigentlich nicht? Gibt man Pferden nicht auch den Gnadenschuss? Aber gut, dafür reicht unser Wissen nicht, sagen die anderen. Wir wissen es besser.

Wenn ich meinen Tagesablauf so betrachte, dann frage ich mich oftmals, wie lange ich das noch durchhalten werde.
Mein Wecker klingelt um 5.00 Uhr, eine gottlose Zeit, denn der Spiegel erkennt mich noch nicht mal, und ich soll aus mir auch noch einen Vamp machen.
Zwanzig Minuten später sitze ich im Auto, gut gestylt und gut riechend (man will ja auch als Schwester auffallen) und drehe die Anlage bis zum obersten Pegel auf, um wenigstens diese Fahrt zu schaffen, ohne gleich wieder einzuschlafen.
Ab in die Klinik, umgezogen und dann zur Dienstübergabe gehetzt. Besonders freue ich mich dann über die fröhlichen Botschaften des Nachtdienstes "Du, die Susi kommt heute nicht, da der Hund krank ist." Au ja, besser kann der Tag nicht beginnen, also nehme ich den Restbestand an Personal, teile ihn in unsere vier Bereiche ein und hetze los, um die Patienten glücklich zu machen.
Wir sind alle fest davon überzeugt, dass irgendjemand mal irgendwann eine Patientenwaschstrasse erfindet. Man soll die Hoffnung niemals aufgeben.

Dazwischenkommen darf nichts, denn dann kippt der erste Ablauf gehörig und man wird um Minuten zurückgeworfen. Natürlich wird in dieser Zeit auch der erste Patient in den OP Saal manövriert. Früher hatte man dafür zwei Schwestern, die dieses monströse Bett schoben, heute macht man das natürlich allein und wenn man bedenkt, dass ein Krankenhaus ziemlich verwinkelt sein kann und durchaus auch heftige Hindernisse, wie Wände, Ecken und Baustellen hat, dann wird es schon mal zum Unterfangen. Man fragt sich immer, wie die Patienten diesen Weg unbeschadet überstehen, aber es scheint zu funktionieren.

Schnell zurück auf die Station, denn schon wartet der Assistenzarzt und will in seinem morgendlichen Eifer die Visite absolvieren. "Nun mach doch mal langsam, mein Junge, wir haben eine Menge Zeit!" - "Ja, aber wenn der Oberarzt kommt, will ich fertig sein." Verständnislos und viel zu hektisch, diese Jungs. - "Liebes, der Oberarzt LÄSST Dich die Visite eh nicht allein machen, also ruhig Blut."
Noch mehr Unverständnis und plötzliche Panik in den Augen der Jungspunde. Denn es fehlen Laborwerte und Konsile. Jetzt ist Holland in Not und Zeit für mich ... ich kann mich lächelnd zurücklehnen und abwarten. Aber nein, es klingelt, denn Herr K. hat sich fürchterlich in die Hosen gemacht. Oh weh, geht einmal was glatt? Nein, also ran an die Materie und geputzt.
Das Telefon klingelt draußen und natürlich geht niemand ran, also lasse ich Herrn K. mit freundlichen Worten erstmal allein in seinem Geruch zurück und hetze an das Telefon, um mir sagen zu lassen, dass unten in der Rettungsstelle ein Patient liegt, der sofort aufgenommen werden muss, egal wie, denn wir haben ja keine Betten. Mach ich alles, ich organisiere gleich ein Bett, nehme den Patienten an und wenn ich eh schon am Telefon bin, kann ich gleich auch noch eine Kollegin für Susi aus dem Frei holen.
Gut gemacht, zurück zu Herrn K., denn der muss wieder hergerichtet werden. Eben noch das Frühstück für die Patienten rausgehauen und nebenbei ein paar renitente gefüttert, Moment, das Essen gereicht! Fertig.





Assistenzarzt ist auch fertig und schaut wesentlich ruhiger aus als Minuten zuvor. Der Oberarzt erscheint und brusselt so vor sich hin, denn die letzte Nacht war Fußball und der gewünschte Erfolg der Mannschaft blieb natürlich aus. Super, so gefällt es mir.
Ich suche meine verantwortliche Pflegekraft, drücke ihr die Akten in die Hand und schicke sie auf die Visitenreise. Als Statist bleibe ich der Vorsicht halber mit dabei, jedoch mit Telefon und anderen Utensilien bewaffnet - Utensilien wie Schere, Desinfektionsmittel und weisen Sprüchen. Braucht man alles, denn im Eifer des Visitengefechts geht es schon mal drunter und drüber und Ärzte neigen dazu, alles und jeden Verband aufzureißen, obwohl es nicht den Richtlinien entspricht und dann schreite ich ein, haue den Jungs gehörig auf die Finger und klopfe kluge Sprüche, die sie Einhalt gebieten lässt, gut bin ich wirklich!

Eineinhalb Stunden später ist es überstanden, Zeit für Frühstück. Machen wir immer alle zusammen, und so könnten wir uns entspannen, könnten ... wenn das Telefon nicht klingeln würde und wir nicht andauernd nach der Patientenklingel rennen müssten oder in den OP fahren müssten. Es wird sich niemals ändern. Auch nicht, dass Angehörige plötzlich in der Tür stehen und irgendwelche Fragen stellen. Somit schrumpft die eigentliche Frühstückszeit gehörig.
Also kann ich auch gleich weitermachen. Die anderen und ich toben wieder durch die Zimmer und erneuern Verbände, inspizieren die Wunden, hängen Infusionen an, ziehen Drainagen und Nahtmaterial, retten ab und zu auch Menschenleben, denn manchmal vergisst einer Luft zu holen. Wir schwatzen mit den Patienten und dem Telefon, bereiten die Medikamente für den nächsten Tag vor. Alles ein Abwasch.

Wie oft ich in der Zwischenzeit im OP gewesen bin, kann ich erst am Nachmittag sagen, denn dann weiß ich, ob alle meine Schäfchen wieder an Ort und Stelle sind.
Mittagszeit, die Patienten haben Hunger, ich auch. Also teile ich das Essen aus. Wenn die Patienten essen, ist erstmal Ruhe, und ich kann mich an den Dienstplan setzen, um entstandene Löcher zu stopfen. Manchmal wird auch Kriegsrat mit den Kollegen gehalten, denn auch die haben ja Probleme, denen ich mich stellen muss. Also mach ich das auch.

Essen wird wieder eingesammelt und ein paar Patienten, denen es nicht so gut geht, positionieren wir wieder so, dass es ihnen besser geht. Ein kurzes "Über die Wange streicheln" und weiter geht es. Oftmals schauen sie einen an und diese Blicke sagen mehr als tausend Worte: "Warum bleiben Sie nicht noch hier? Mir geht es nicht gut, ich möchte einfach nur, dass Sie hier sitzen und meine Hand halten."
Das ist schlimm, denn das kann ich nicht mehr bringen, und es reißt mir oft fast das Herz aus der Brust. Also lächle ich ihm noch einmal zu und streichle einmal mehr über die Wange und drücke die Hand und verlasse mit einem Augenzwinkern das Zimmer. Unbefriedigt und traurig.

Wie erginge es mir, wen ich an seiner Stelle dort liegen würde? Das frage ich mich oft, und ich weiß, dass es irgendwann so kommen wird. Es macht mir mitunter richtig Angst. Aber diese Angst verdränge ich so gut es eben geht.

Zeit für die Dienstbesprechung. Ich renne im Stechschritt durch die Klinik, nämlich an das andere Ende, um mit den Leitungen Neuerungen und Zertifizierungskram, Termine, Bauabschnitte, Dienstanweisungen und Neueinstellungen zu besprechen. Am Ende darf noch jeder seine Probleme mitteilen und dann wieder brav zurück auf die Station flitzen, um den Rest der liegengeblieben Arbeit zu verrichten. Aber das geht auch nicht, denn plötzlich steht ein Zugang in der Tür, und der will sofort behandelt und operiert werden. Also kümmere ich mich erstmal darum, traue mich gar nicht, auf die Uhr zu schauen, denn eigentlich ist es schon Zeit, den Dienst zu übergeben. Also mache ich schneller.

Geschafft! Ich sitze und berichte bei einer Tasse Kaffee dem Spätdienst, was es im Frühdienst so Besonderes und Aufregendes gegeben hat.
Und dann setze ich noch einen drauf, indem ich noch schnell ein paar Termine und Neuigkeiten an die Kollegen weitergebe. Eigentlich wollen sie alle nur schnell nach Hause zu Kind und Kegel, ich ja auch, aber was muss, das muss!

Und dann ist er da, der Feierabend. Die weißen Schwärme verlassen im Eiltempo das Krankenhaus und befinden sich in Null Komma Nichts im Abflug.
Ich schleppe mich zum Auto und fahre mit laut dröhnender Musik heimwärts, halte maximal noch im Supermarkt an und das war es dann.

Ich bin fertig. Genauso fertig wie tausend andere Pflegekräfte in Deutschland. Aber wir können das ab, wir haben es ja so gewollt und uns wurde das Samaritergen eingepflanzt.
Wir gehen gerne für wenig Geld und viel Stress jeden Tag wieder in die Klinik, wir sind für alles bereit, und wir werden auch in 30 Jahren noch das gleiche Lächeln auf den Lippen haben, nur mit ein paar mehr Fältchen.



(Autor: Curls And Pearls)



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